Auf der Gotthard-Bergstrecke vor der grossen Stille?

Auf der Gotthard-Bergstrecke vor der grossen Stille?

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Bild: Bahnarchiv.ch, 0804_85_01992, Hans Dellsperger

Die Tage der alten Gotthardstrecke sind gezählt. Bald wird der Verkehr im neuen Gotthard-Basistunnel  aufgenommen. Damit wird es ruhiger auf der alten, 206 Kilometer langen Bergstrecke der Gotthardbahn. Sie war seit 1882 wichtigster Teil der Nord–Süd-Bahnverbindung von der Schweiz nach Norditalien.

Der Gotthard-Strassentunnel sowie der 57 Kilometer lange Gotthard-Basistunnel beherrschen die Schlagzeilen. In Zukunft werden sie den ständig steigenden Verkehr auf einer der europäischen Hauptverkehrsachsen bewältigen müssen. Ruhiger wird es hingegen auf der alten Gotthard-Bahnstecke von Immensee SZ nach Chiasso TI. Bisher passierten hier im Minutentakt die Personen- und Güterzüge. Ab Dezember, mit dem Inkrafttreten des Winterfahrplans, verkehrt hier nur noch ein Regionalexpress pro Stunde, Schnellzüge fahren nur noch an den Wochenenden nach Göschenen UR. Doch schon jetzt liegen die meisten der alten Bahnhofgebäude verlassen und verkommen an der Strecke.
Bevor die grosse Stille eintritt und der Verkehr auf zwei TILO-Flirts (Fast Light Innovative Regional Train) pro Stunde zusammenschrumpft, begaben sich Mitglieder der Schweizerischen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte (SGEG) auf Entdeckungstour. Der Ausflug wurde gemeinsam mit der Schweizerischen Gesellschaft für Technikgeschichte und Industriekultur (SGTI) organisiert.


Die Zukunft der Strecke, vor allem aber auch der Bahnhöfe Altdorf, Erstfeld und Göschenen sowie der angeschlossenen Strukturen ist ungewiss. Die bisher hochfrequentierte Strecke, auf der täglich rund 8000 Zugreisende unterwegs waren, wird quasi stillgelegt. Dafür rechnen die SBB mit einer Verdoppelung des Personenverkehrs durch den rund 20 Kilometer entfernt verlaufenden Gotthard-Basistunnel. Auf der Bergstrecke geht man nur noch von einem Transport­aufkommen von 500 Personen pro Tag aus. Eine traurige Realität für eine der eindrucksvollsten Bahnstrecken im Alpenraum, die nicht zuletzt für ihre spektakulären Kehrtunnel und eindrücklichen Bauten entlang der Strecke bekannt ist.
Die gemeinsame Reise der Eisenbahnfreunde und Technikfreaks mit dem Extrapostauto führte zu markanten Bauten entlang der Strecke, die sonst beim Vorbeifahren nur einen flüchtigen Blick erlauben. Gestartet wird von Erstfeld. Ziel wird Biasca im Tessin sein. Am späten Nachmittag geht es im Bus oder Zug von dort wieder zurück.

Im Jahr 1866 wurde der Bau der Eisenbahnlinie durch den Gotthard beschlossen, 1873 mit dem Bau begonnen. Bereits 1882 konnte der Verkehr zunächst einspurig zwischen Immensee und Chiasso aufgenommen werden. Den zentralen Teil der 206 Kilometer langen Bahnstrecke bildet die Strecke Erstfeld-Biasca /Lugano mit ihrem 15 Kilometer langen Scheiteltunnel unterhalb des Gotthardmassivs. Bei seiner Eröffnung 1882 war der Gotthard-Scheiteltunnel der längste Tunnel der Welt. Die beiden Rampen weisen Steigungen bis zu 28 Promille auf. Die Bergstrecke ist dabei für die künstliche Verlängerung der Rampen durch Schleifen und Kehr- und Spiraltunnel bekannt. Sie ermöglichten es, dass die starken Steigungen auch für Dampflokomotiven befahrbar wurden.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Bahn elektrifiziert und doppelspurig ausgebaut. Seit 1909 wird die Strecke von der SBB betrieben. Die Gotthardstrecke war bisher die kürzeste Bahnverbindung zwischen Westeuropa und Italien. Hier wurde ein grosser Teil des Güter- und Personenverkehrs zwischen den grossen Wirtschaftsräumen beidseits der Alpen abgewickelt. Wenn ab Dezember der fahrplanmässige Verkehr durch den Gotthard-Basistunnel der Neuen-Eisenbahn-Alpentraversale rollt, dient der Gebirgsbahnabschnitt Göschenen-Airolo nur noch der regionalen verkehrstechnischen Erschliessung oder kann als Reservelinie genutzt werden.

Der erste Zwischenstopp führt die Reisenden nach Gurtnellen im Reusstal. Erste Hinweise einer Besiedelung der kleinen Gemeinde Gurtnellen gehen ins 8. Jahrhundert zurück. Einen wahren Aufschwung erlebte das Dorf aber von 1819 bis 1826 während des Baus der Gotthardstrasse und später, als die Gotthard-Eisenbahnlinie mit dem Tunnel angelegt wurde. Ziel des Besuchs ist das markante Fabrikgebäude in der Nähe des Bahnhofs. Gleich hinter der Fabrik befindet sich das ehemalige herrschaftliche Wohnhaus des Direktors, in unmittelbarer Nähe auch die Arbeiterwohnungen. Direkt an der Nordrampe der Gotthardstrecke gelegen und mit einem eigenen Anschlussgleis versehen, herrscht momentan reges Treiben um und im Fabrikgebäude, das teilsaniert wird. (Claudia Bertoldi)

Den ganzen Artikel lesen Sie im baublatt vom 18. November.
Noch kein Abonnement? Über diese Link abonnieren Sie das baublatt pder bestellen ein Probeabo.