Auf dem Gipfel der Techhnik

Auf dem Gipfel der Techhnik

Gefäss: 
Ab Frühling gibt es für Seilbahnfreunde in der Innerschweiz einen besonderen Leckerbissen. Die erste Cabrio-Bahn der Welt wird ihren Betrieb aufnehmen. Weil an diesem Transportmittel aufs Stanserhorn alles so speziell ist, mussten auch die Berg- und die Talstation sowie die Masten neu gebaut werden.
 
 
 
 
Der Nidwaldner Hausberg, das Stanserhorn, übt nicht nur auf Menschen grosse Anziehungskraft aus. Auch tierischen Wesen hat es der Innerschweizer Aussichtsberg angetan. Seit Jahrzehnten lebt eine Population von Murmeltieren auf dem fast 2000 Meter hohen Gipfel. Vor einem Jahr mussten die herzigen Pelztiere jedoch einen unfreiwilligen Urlaub auf dem Grimselpass antreten. Grund dafür waren Bauarbeiten für die neue Seilbahn. Die auslaufende Konzession der seit 1975 in Betrieb stehenden Anlage stellte die Verantwortlichen vor die Frage, wie man in Zukunft auf das Stanserhorn gelangen soll. Zusammen mit der im nahen Goldau ansässigen Seilbahnbauerin Garaventa entwickelten sie die weltweit erste Cabrio-Bahn: Das Dach der Kabine kann während der Fahrt von den Gästen als Aussichtsplattform genutzt werden. Die Konstruktion erfordert aber neben neuen Kabinen auch eine spezielle Seilführung, entsprechende Masten sowie neue Stationsgebäude. Weil auf dem Gipfel des Nidwaldner Hausbergs die Fläche für den Umschlag von Baumaterial und die Lagerung von Aushub knapp ist, mussten die Murmeltiere ihr angestammtes Revier räumen. «Wir haben bis jetzt Riesenglück mit dem Wetter gehabt und sind dank des schönen Novembers gut im Zeitplan», sagt Alexander Sacchet, verantwortlicher Bauführer bei der Gasser Felstechnik AG. Die auf anspruchsvolle Arbeiten im Gebirge spezialisierte Firma aus Lungern erhielt als Arge Stanserhorn zusammen mit der Clemens Christen und der Riva AG, den Zuschlag für die Errichtung der neuen Berg- und Talstation sowie für die Fundationen der neuen Masten und das Verlegen einer Verbindungsleitung für das Steuerkabel von der Berg- bis zur Talstation. Neben der exponierten Situation des Bauplatzes stellte vor allem die Logistik eine Herausforderung dar. Zwar wurde von der Bauherrin eigens eine Materialbahn parallel zur alten Streckenführung errichtet, doch stellte sich bald heraus, dass deren Kapazität nicht genügte. So richtete man auch von der anderen Seite des Stanserhorns, vom Sulzmattli aus, eine zweite Transportmöglichkeit ein. Mit den beiden Seilbahnen wurden sämtliche Geräte und Materialien auf den Gipfel und an die einzelnen Bauplätze entlang der Strecke befördert.

Ein sportlicher Zeitplan

In Spitzenzeiten arbeiteten fast 40 Mann gleichzeitig auf nicht weniger als sieben verschiedenen Baustellen am Berg. «Da gings ganz schön zur Sache», erinnert sich Alexander Sacchet und fügt an, dass die fristgerechte Einhaltung des engen Zeitplans nur mit Mitarbeitern möglich ist, «die nicht Punkt fünf Uhr den Pickel hinschmeissen.» Teilweise wurde sogar zweischichtig gearbeitet und am Abend verlängerten Scheinwerfer den Arbeitstag. Als die alte Seilbahn noch in Betrieb war, gondelten die Arbeiter jeden Morgen auf den Gipfel und abends zurück. Seit man ihren Betrieb in den letzten Oktobertagen einstellte, wird während der Woche auf dem Gipfel nicht nur gearbeitet, sondern auch geschlafen. Wenn das Wetter mitspielt, kommen die Gasser-Leute jeweils am Montagmorgen und am Freitagabend in den Genuss des wohl exklusivsten Transportmittels überhaupt – eines Helikopters. Gelandet wird dabei auf dem Dach der provisorischen Arbeiterunterkunft, die sich gleich neben dem Bergrestaurant befindet. Zeigt sich Petrus ungnädig, bleibt den Gipfel¬stürmern nichts anderes übrig, als den Weg auf Schusters Rappen zurückzulegen.
Kaum ist man die paar Stufen vom Dach hinuntergestiegen, befindet man sich schon inmitten der Baustelle. «Die Besucherinnen und Besucher der neuen Bergstation werden nicht merken, wie umfangreich und aufwendig ihre Errichtung war», sagt Alexander Sacchet.

Über 100 Prozent Neigung

Das neue Ankunftsgebäude ist rund 19 Meter breit, 17 Meter tief und weist im Baukörper einen Höhenunterschied von fast 30 Metern auf. Da es unmittelbar neben der alten Station errichtet wurde, musste beim Aushub von über 3000 Kubikmeter Felsmaterial in steilstem Gelände auch darauf geachtet werden, dass die alte Station stets ausreichend gesichert war und nicht abrutschen konnte. Wie holt man solche Massen aus einem weit über 100 Prozent geneigten Berg? «Wir haben einen Schreitbagger auf den Gipfel befördert und diesen in den heiklen Phasen mit einer Seilwinde gesichert. Lage für Lage hat die Maschine nun die Erdmassen abgetragen», sagt Sacchet. Abwechselnd wurde die halbseitig geöffnete Baugrube mit Spritzbeton und Ankern gesichert. Mittlerweile sind die Hauptarbeiten des Baumeisters an der neuen Station abgeschlossen, und der Einbau der Seilbahntechnik hat begonnen. Nicht nur die Errichtung der neuen Bergstation war sehr anspruchsvoll, auch die Fundamente der vier neuen Masten verlangte den Beteiligten alles ab. Weil der Baugrund sehr brüchig ist, konnten zum Teil nur gerade 80 Zentimeter abgegraben werden, bevor wieder eine Sicherungsmassnahme nötig war.

Eröffnung im Mai

Bei der obersten Stütze waren die Arbeiten beim Besuch des «baublatt» noch in vollem Gange. Schon der Abstieg vom Gipfel zu diesem Ort, rund 200 Meter unter der neuen Station gelegen, ist eine Herausforderung: Fast 45 Grad Gefälle und sich ständig lösender Untergrund. Weil es unmittelbar neben diesem Bauplatz keine geeignete Abstellfläche gab, musste sämtliches Material von einer tiefer gelegenen Plattform aus herangeholt werden. Die Monteure waren eben im Endspurt des Stützenaufbaus. Sie bewegten sich auf der riesigen Konstruktion wie Trapezartisten unter der Zirkuskuppel und balancierten (natürlich gesichert) mit schlafwandlerischer Sicherheit über die zum Teil nur armdicken Rohre. Laut Alexander Sacchet haben auch die Monteure der Garaventa AG entsprechende Ausbildungen für das Arbeiten am hängenden Seil absolviert. «Es ist wichtig, dass wir vor Weihnachten fertig geworden sind, denn die Eröffnung der Strecke diesen Frühling muss gewährleistet sein», sagt Bauführer Sacchet. «Und weil es sich bei der neuen Bahn aufs Stanserhorn um eine totale Neukonstruktion handelt, müssen die Ingenieure genügend Zeit haben, um die neuen Seile zu spannen und Testfahrten durchzuführen.»
Während der Aushub der Stützen jeweils gleich in unmittelbarer Nähe wieder eingebaut wurde, mussten die Massen der Bergstation im Gipfelbereich deponiert werden. Denn es stellte sich als praktisch unmöglich heraus, das Aushubmaterial ins Tal zu befördern. So landete das Material auf dem bisherigen Revier der Murmeltiere. Diese werden kommenden Frühling nicht mehr in diesem Bereich angesiedelt, denn der felsige Untergrund verunmöglicht den Tieren das Bauen ihres bis zu zwei Meter tief liegenden Höhlensystems. Ihr neues Zuhause werden die drolligen Nager auf der rückwärtigen Seite des Gipfels beziehen – mit bester Aussicht in die Bergwelt.  (tst)