Atomaufsichtsbehörde Schweiz: «Die Gefahr eines AKW-Ausfalls steigt»

Atomaufsichtsbehörde Schweiz: «Die Gefahr eines AKW-Ausfalls steigt»

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Die Atomaufsichtsbehörde Ensi entscheidet, unter welchen Bedingungen ein AKW in Betrieb sein darf – nicht aber, wann es stillgelegt werden muss. Politische Beschlüsse und Konzessionen gegenüber der Wirtschaftlichkeit könnten aber zu Abstrichen bei der Sicherheit führen, warnt Ensi-Direktor Hans Wanner. Der Billigstrom aus dem Ausland fördert diese Kompromissbereitschaft.

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsin­spektorat Ensi ist zunehmend dem politischen Umfeld ausgesetzt», sagt Hans Wanner. Für den Direktor der Atomaufsichtsbehörde ist deshalb die Frage, wie älter werdende Reaktoren gewartet werden, nur ein Aspekt beim Betrieb eines Atomkraftwerks. «Die politische Debatte rückt zunehmend die Wirtschaftlichkeit ins Zentrum», stellt Wanner fest. «Die Sicherheit hingegen wird kaum noch thematisiert.» So hat das Parlament neulich bei der Revision des Kernenergiegesetzes das Langzeitbetriebskonzept des Bundes­rates inklusive Stilllegungsdatum nicht übernommen. «Das zeigt mir, das Fukushima schon weit weg ist. Bereits wieder ist das Bewusstsein geschwunden, dass schwere AKW-Unfälle passieren können – bis erneut eine Katastrophe eintritt», ruft er in Erinnerung. Für ihn ist demgegenüber klar: «Wir dürfen nicht zulassen, dass politische und wirtschaftliche Überlegungen zu Abstrichen bei der Sicherheit von Kernkraftwerken führen.»

Austauschen und überwachen
Anlagebetreiber versuchen, die Alterung von AKW zu verlangsamen, indem sie Komponenten und Anlageteile ersetzen. «In Beznau sind die meisten wichtigen Baukomponenten im Verlauf der Jahre und Jahrzehnte ausgewechselt worden», so der Ensi-Direktor. Einzelne Anlageteile kann man aber nicht austauschen, beispielweise den Reaktordruckbehälter. Solche Teile werden deshalb überwacht. Der Standard dazu ist für den Betreiber im Altersüberwachungsprogramm festgelegt, während das Ensi die getroffenen Massnahmen kontrolliert. Für die Versprödung des ­Reaktordruckbehälters und die Ermüdung anderer Materialien sind in der Schweiz Grenzwerte gesetzt. Gemäss Wanner ist der Reaktordruckbehälter von Beznau I bereits soweit gealtert, dass dieser Block bald außer Betrieb genommen werden muss. Bei Beznau II sind die verbleibenden Sicherheitsmargen noch höher. Fallen diese aufwendig berchneten Margen unter einen bestimmten Level, ordnet das Ensi bauliche Investitionen an, bis der Betreiber das AKW letztlich aus Kostengründen abschalten muss.

Das Design der Anlage in Beznau stammt aus den 60er-Jahren und entspricht nicht mehr einem modernen Reaktor. Mindestens alle zehn Jahre erfolge eine Sicherheitsprüfung, führt Wanner aus. Nach Fukushima seien zudem alle Anlagen ausserordentlich kontrolliert worden. «Die Nachrüstung des ­Notfallsystems Nano Mitte der 90er-Jahre hat die Sicherheit von Beznau wesentlich erhöht», nennt er ein Beispiel. Zwei weitere Investitionsschübe folgten um 2000 und 2012 . Beide umfassten den Ersatz von alten Komponenten und weiterführende neue Sicherheitsmassnahmen. «Eine neue Anlage kann man indessen nicht herzaubern. Nachrüsten verbessert aber die Sicherheit eines AKW soweit, dass man nahe an diejenige einer neuen Anlage herankommt.»

Sinkende Rendite birgt Gefahr
Lange Zeit waren Kernkraftwerke rentabel, umso mehr die Energiekonzerne bis heute mit ihnen unbefristet Strom produzieren können. «Die Elektrizitätswerke hatten somit die Gewissheit, dass sie ihre Investitionen in den Unterhalt und die Sicherheit wieder amortisieren können», führt der Ensi-Direktor zu dieser ehemals komfortablen Situation aus. Unter diesen Bedingungen hat die Axpo vor Fukushima beschlossen, 700 Millionen Franken in das AKW Beznau zu investieren, mit dem Ziel, die Anlage 60 Jahre zu betrieben.

Diese Situation hat sich seither völlig gewandelt. «Die Kernkraftwerke sind nicht mehr rentabel. Mit Strom kann man kaum noch Geld verdienen», führt Wanner aus. Deshalb fahren die Energiekonzerne Axpo mit den AKW Beznau und Leibstadt sowie Alpiq mit Gösgen und Leibstadt ­momentan Millionenverluste ein. Man müsse, meint der Direktor der Atomaufsichtsbehörde, kein Prophet sein, um die aufziehende Gefahr zu ahnen: «Die Betreiber werden nur noch so viel in ihre Anlagen stecken, wie unbedingt erforderlich ist, um die gesetzlichen Minimalan­forderungen zu erfüllen. Damit steigt die Gefahr eines AKW-Ausfalls.»

Stilllegung nach Plan gescheitert
Das Ensi hätte sich aus diesem Grund bei der Revision des Kernenergiegesetzes ein Langzeitbetriebskonzept inklusive Stilllegungsdatum gewünscht. Eine solche vorausschauende Überwachung scheiterte jedoch im Parlament. Dieses Konzept hätte den AKW-Betreiber verpflichtet, nach dem Zyklus von 40 Jahren der Atombehörde zu deklarieren, wie lange er mit dem AKW noch Strom produzieren will. Gleichzeitig hätte der Betreiber für diesen Zeitraum einen Massnahmenplan für die Sicherheit zur Prüfung vorlegen müssen. Das Atominspektorat wiederum hätte weiterführende Auflagen stellen können, die möglicherweise die sofortige Stilllegung eines AKW bewirkt hätten. «Wir sind an die Gesetze gebunden, die den Betrieb von Kernkraftwerken regeln. Das Ensi prüft deren Einhaltung», hält Wanner fest.

Zum Job der Atomaufssichtsbehörde gehöre es, politischen Druck auszuhalten, sagt Wanner. Seit längerem schon hat die Anti-AKW-Bewegung das Ensi im Visier. «Neu spüren wir zusätzlich die Einflussnahme der AKW-Befürworter. Hinter vorgehaltener Hand hören wir, das Ensi fälle nicht mehr rein technische Entscheide, sondern sei der Anti-AKW-Bewegung gefällig.» Wanner vermutet, dass die AKW-Befürworter ihre Position bald verstärkt öffentlich inszenieren. «Die heute geltenden Sicherheitsmassnahmen könnten dann in Frage gestellt werden.» Dies umso mehr, als der Netzbetreiber Swissgrid im Dezember 2015 gewarnt hat, Engpässe in der Stromversorgung seien im Winter nicht mehr auszuschliessen. Zu diesem Zeitpunkt waren Beznau 1 und 2 ausser Betrieb. Damals ist noch kein Druck auf das Ensi ausgeübt worden.  (Urs Rüttimann)

Den ausführlichen Beitrag über die Stilllegung von AKW lesen Sie im Baublatt 17 vom 29. April.