Architektur bekömmlich serviert

Architektur bekömmlich serviert

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Bild: zvg
Bjarke Ingels will eine Architektur schaffen, die einen gesellschaftlichen und ökonomisch perfekten Platz für den Menschen bietet und zugleich umweltfreundlich ist. Die als Archicomic erschienene Monografie des bekannten dänischen Architekten ist ein rasantes Leseabenteuer für Insider wie Laien.
 
Mit gerade 38 Jahren hat sich der Architekt Bjarke Ingels mit seinen auffälligen und manchmal provokanten Entwürfen einen klingenden Namen geschaffen. Er gilt in der Szene als Vorreiter für eine neue und nachhaltige europäische Architektur. Anfangs November zeichneten das „European Centre for Architecture Art Design and Urban Studies“ und das „Chicago Athaneum“ den Dänen, der in Kopenhangen lebt und arbeitet, für sein bisheriges Werk aus. Bjarke Ingels liebt es, Konventionen zu brechen. Eines seiner bekanntesten Gebäude, das „Mountain Dwellings“ in Kopenhagen, ist so ein Bruch mit Traditionen: Die Idee war, voneinander unabhängige Bestandteile des Wohnens und Parkens miteinander in einer Art Symbiose zu verbinden und dadurch einen neuen Wohnkomfort zu schaffen. Entstanden ist ein künstlicher Berg von 34 Metern Höhe, der nach Süden hin abfällt. Die Wohnungen, die treppenartig angelegt sind, fungieren als Dach eines vierstöckigen Parkhauses. Diese lebensbejahende und oft Gegensätze vereinende Architektur ist typisch für den Dänen. „Die Architektur wird seit jeher durch zwei gegensätzliche Extreme beherrscht: eine Avantgarde voller verrückter Ideen aus Philosophie oder Mystik und durch straff organisierte Beraterfirmen, die vorhersagbare, langweilige Schachteln von hohem Standard errichten“, beschreibt Ingels. „Die Architektur befindet sich anscheinend in einer Zwickmühle: entweder naiv utopisch oder lähmend pragmatisch. Wir glauben jedoch, dass es zwischen diesen diametralen Gegensätzen einen dritten Weg gibt: eine pragmatisch utopische Architektur, die das konkrete Ziel verfolgt, sozial, ökonomisch und umweltmässig perfekte Orte zu schaffen. BIG bemüht sich um die Schnittmenge zwischen Radikalem und Realem. In all unserem Tun versuchen wir unseren Blick von den kleinen Details auf das grosse Ganze – das BIG picture – zu lenken.“
Nun ist im Taschen Verlag eine ungewöhnliche Monographie über das Wirken von Ingels entstanden. Da der kreative Kopf einst den Traum hegte, Comiczeichner zu werden, lag die Idee nicht fern, dass er sein Wirken in einem Archicomic darstellte. „Yes is More“ ist das leicht verständliche, doch unbarmherzig radikale Manifest des Architekturbüros Bjarke Ingels Group oder kurz BIG. Entstanden ist ein aussergewöhnliches Buch, dass sowohl den die Insider wie auch Laien fesseln wird. Das Wortspiel „Yes is More“ steht für die Unternehmensphilosophie und fasst die respektlose Haltung gegenüber exzessivem Formalismus zusammen, und auch die Entschlossenheit, die breite Masse einzubeziehen. Die umfassende Dokumentation zeigt auf, dass Bjarke Ingels Methoden, Prozesse, Instrumente und Konzepte immer wieder in Frage stellt und neu definiert.
 
„Yes is More“. Ein Archicomic zur Evolution der Architektur“, Taschen Verlag, 400 Seiten, 31.90 Franken, ISBN 978-3-8365-2524-4
 
 
Von Roland Merz/mgt