An einen raschen Aufschwung ist noch nicht zu denken

An einen raschen Aufschwung ist noch nicht zu denken

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Weltweit steuert die Rezession derzeit ihrem Ende entgegen. Dies ist allerdings nicht gleichbedeutend mit einer nachhaltigen Erholung. Arbeitslosigkeit und weiter schwelende Probleme im Finanzsektor werden der Konjunktur noch lange zu schaffen machen.
 
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Aisens Volkswirtschaften erholen sich rascher als jene der USA und Europas: Im Bild die Einkaufsmeile Nonajing Road in Shanghai.
 
Spätestens seit Anfang August mehren sich die Anzeichen, dass die schwerste Weltwirtschaftskrise seit der Depression der 30er-Jahre allmählich ihrem Ende entgegen geht. Ökonomen sprechen von «grünen Schösslingen», die sie ähnlich einem Frühlingserwachen in der Natur, in den Volkswirtschaften der verschiedensten Länder ausgemacht haben. So scheint es, dass sich die Wirtschaft der USA wieder einmal energisch aufrappelt, ganz so wie man sich dies von früher her gewohnt ist. Die US-Notenbank benützt in ihrem jüngsten Bericht zur Wirtschaftslage erstmals, wenn auch noch vorsichtig, wieder Formulierungen, die auf eine Trendwende hindeuten. Nicht mehr von der Rezession ist hauptsächlich Rede, dafür von «Silberstreifen am Horizont» und einer «Stabilisierung» der Wirtschaft.
 
Grosse Hoffnung haben auch Beobachtungen am amerikanischen Markt für Wohnimmobilien erzeugt. In vielen städtischen Regionen, die diesbezüglich wichtig sind, ist der Zerfall der Eigenheimpreise zum Stillstand gekommen, an einigen Orten beobachtet man sogar wieder Preissteigerungen. Auch neue Wohnhäuser, die noch nicht verkauft sind, werden wieder gebaut, nach dem Bekunden der Entwickler will man sich möglichst früh für den nächsten Konjunkturschub positionieren. Da die Krise letztlich durch das Platzen einer Preisblase für Wohnimmobilien ausgelöst wurde, erhoffen sich viele Ökonomen vom Wiedererstarken der Immobilienmärkte die nachhaltigsten Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft. Aus vielen anderen Wirtschaftsregionen der Welt sind ähnlich positive Signale zu verzeichnen. Am deutlichsten schlagen sich diese in den vorlaufenden Indikatoren der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nieder, welche monatlich für die wichtigsten Industrie- und Entwicklungsländer erhoben werden. Diese «Composite Leading Indicators» (CLI) haben sich erstmals im April des laufenden Jahres zu verbessern begonnen, wobei der positive Trend mit der Ausgabe vom Juni nunmehr als verstetigt gelten kann (vgl. Tabelle «OECD- und Schwellenländer»). Nirgendwo in der jüngsten CLI-Veröffentlichung ist mehr die Rede von Abschwung, eine Mehrzahl der erfassten Länder scheint vielmehr eine Talsohle erreicht zu haben, bei einigen bezeichnet die OECD dieses Szenario zumindest als möglich. Alle CLI-Werte haben sich gegenüber dem Vorjahr weiter verbessert, obwohl die meisten noch ein negatives Vorzeichen aufweisen. Es finden sich aber auch bereits wieder solche im positiven Bereich. Mit Frankreich und Italien befinden zwei europäische Industrieländer schon wieder in der Aufschwungphase. Von den USA schätzt die OECD, dass diese die Talsohle des Abschwungs erreicht haben, dieselbe Einschätzung erfährt Deutschland.

Skepsis ist angebracht

Einige Prognostiker haben sich durch dies alles bereits zur Verkündigung eines Wiederaufschwungs hinreissen lassen. Da allerdings ist Skepsis angebracht. Zwar ist ein gewisses Aufatmen allein schon deswegen am Platz, weil der sehr massive Rückgang der Weltwirtschaftsleistung mit all seinen negativen Folgeerscheinungen zum Stillstand gekommen ist. Aber ein Ende des Abschwungs ist nicht gleichbedeutend mit einem Aufschwung. Um eine populäre Umschreibung zu verwenden: Der «Konjunkturlift» ist nach einem Seilriss ins erste oder zweite Untergeschoss gerasselt, wo er mehr oder weniger kontrolliert durch die Sicherheitsapparaturen zum Stillstand gekommen ist. Man kann jetzt die Insassen bergen und daran denken, das Gefährt irgendwann auch wieder hochzuziehen. Aber es wird lange dauern, bis eine Situation wie vor dem Unfall hergestellt ist. In der realen Wirtschaft spricht vorderhand noch sehr wenig für eine Rückkehr zu Verhältnissen wie vor der Finanzkrise. Sehr viel mehr spricht dagegen: Überall in der westlichen industrialisierten Welt müssen sich Unternehmen und Haushalte entschulden und gleichzeitig auf längere Sicht mit deutlich geringeren Einnahmen und der Notwendigkeit von Sparmassnahmen zurechtkommen. Auch wenn die Zinsen niedrig bleiben, wird dies Investitionen behindern, zumal viele Banken in den USA und in Europa weiterhin mit faulen Krediten und wertlosen Verbriefungen belastet sind.
 
Sorge bereitet vor allem auch der Umstand, dass der private Konsum, ohne den keine moderne Volkswirtschaft prosperieren kann, auf längere Zeit hinaus gehemmt bleiben dürfte. Die Arbeitslosigkeit in Europa wird ihren Höhepunkt erst zum kommenden Jahreswechsel erreichen, mit unvermeidlichen finanziellen Folgen für die Haushalte und deren Konsumverhalten; das gilt auch für die Schweiz.
 
In den USA ist die abzusehende Blockierung der privaten Konsumausgaben durch noch fundamentalere Umstände bedingt. Amerikanische Haushalte haben vor der Krise ihre grösseren und kleineren Einkäufe mit sehr günstigen Krediten aufgrund der Wertvermehrung ihres Wohneigentums finanzieren können. Damit wird nun aber auf Jahre hinaus Schluss sein. Ob der private Konsum die US-Konjunktur überhaupt wieder in dem Ausmass wird stützen können, wie dies vor der Krise der Fall war, ist derzeit Gegenstand von Diskussionen unter Ökonomen; die jüngsten, eher enttäuschenden Zahlen des Detailhandels sprechen eher nicht dafür.

Überraschendes Asien

Die positivsten Signale für die Weltwirtschaft kommen indes aus Asien. Entgegen den ursprünglichen Voraussagen der internationalen Konjunkturinstitute erholen sich dort auch kleinere, exportorientierte Volkswirtschaften, die wie Hongkong, Singapur oder Südkorea besonders schwer von der Weltwirtschaftskrise betroffen waren, plötzlich wieder in rasantem Tempo. Gegenüber dem Vorquartal wurden hier im zweiten Quartal aufs Jahr umgerechnete BIP-Zuwächse bis zu 21 Prozent (im Fall von Singapur) verzeichnet; im Durchschnitt betrug das asiatische Wachstum rund zehn Prozent, während in Europa und den USA immer noch ein Rückgang zu verzeichnen war.
 
Das ist vor allem deshalb erstaunlich, weil das plötzliche Wiedererstarken asiatischer Wirtschaften auch auf ein rasantes Wachstum der Industrieproduktion – in China betrug die Steigerung im zweiten Quartal 36 Prozent – zurückzuführen ist. Nach der Einschätzung des britischen Wirtschaftsmagazins «Economist» ist der überraschend schnelle Wiederaufschwung asiatischer Länder auf weitgehend intakt gebliebene Binnenmärkte und auf eine im Vergleich zu Europa und Amerika geringe Verschuldung zurückzuführen – und darauf, dass asiatische Banken von der Finanzkrise offenbar doch weniger betroffen waren, als zunächst befürchtet wurde.