Aluminium-Branche unzufrieden mit Ökobilanz

Aluminium-Branche unzufrieden mit Ökobilanz

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Langlebiges Material: Ein Stück der Aluminium-Originalfassade von 1977 des Toni-Areals ist am Umbauobjekt oben rechts noch sichtbar.
Der Aluminium-Verband der Schweiz kämpft für eine angepasste Ökobilanz im Planungsinstrument «eco-devis», in dem der Recycling-Aspekt des Materials auch für die nächste Generation berücksichtigt wird. Mit einem Besuch auf der Grossbaustelle Toni-Areal in Zürich wurde die Langlebigkeit und Wiederverwendbarkeit von Aluminium gezeigt.
Langlebiges Material: Ein Stück der Aluminium-Originalfassade von 1977 des Toni-Areals ist am Umbauobjekt oben rechts noch sichtbar.
 
In der ehemaligen Grossmolkerei auf dem Toni-Areal in Zürich wurde 1972 bis 1977 Aluminium im grossen Stil verbaut. Mehr als 40 Jahre später konnte der Generalunternehmer Allreal mit dem Rückbau der Liegenschaft rund 250 Tonnen des Materials dem Recycling zuführen. Es handelte sich um Fassadenbleche und Unterkonstruktionen für Fenster und verglaste Bauteile mit einer Fläche von 20 000 Quadratmetern sowie Teile der Gebäudetechnik. Nicht berücksichtigt sind Bauteile, die ausserhalb des Recycling-Prozesses direkt einer Wiederverwendung zugeführt wurden. Auch im neuen Schul-, Kultur- und Wohngebäude, das auf der Grundstruktur der Molkerei errichtet wird, spielt Aluminium eine gewichtige Rolle: 770 Tonnen werden allein schon mit einer neuen Alu-Glas-Fassadenkonstruktion verbaut. Dies geschieht in Form von eloxierten Blechen, die auf 35 000 Quadratmetern gewellt oder geprägt auf die Fassadenkonstruktion eingehängt werden, mit Standard-Profilen bei Fenstern und Türen sowie mit stranggepressten Tragprofilen und mit Klima- und Schallabschlüssen.
 
 

Bruchteil der Energie im Recycling

Die Baustelle und der Besuch einer Aufbereitungsanlage der Metallum Group in Regensdorf stellte für den Aluminium-Verband Schweiz die perfekte Bühne dar, um den Recycling-Prozess und in diesem Sinn die Nachhaltigkeit des Leichtmetalls mit einem Promotionsanlass zu verdeutlichen. Dass die Schweizer nicht nur beim Sammeln von Aluminiumverpackungen im Privathaushalt Spitze sind, sondern auch bei der Rückführung im Bauwesen, erläuterte Markus Tavernier, Präsident des Aluminium-Verbands Schweiz und Geschäftsführer der Igora-Genossenschaft in Zürich. «Neun von zehn Kilogramm Aluminium aus Bauanwendungen gehen zurück ins Recycling», so Tavernier. Seit 1888 werde Aluminium produziert, 75 Prozent der seither hergestellten Menge noch heute im Einsatz.
Marcel Menet, Geschäftsführer des Aluminiumverbands, zeigte den Kreislauf des Metalls am Bau detaillierter auf. Am Anfang steht der Guss von Bolzen und Barren, dann die Profilherstellung, gefolgt von der Produkteherstellung und dem Einbau am Gebäude. Das Bauteil verbleibt im Schnitt 20 Jahre in einem Gebäude, danach folgen die Rückgewinnung und der Recyclingprozess mit Schreddern, Sortieren und Umschmelzen. Dann startet der Kreislauf wieder von vorne. Ausserhalb des Zyklus steht die Herstellung von Aluminium aus Bauxit und mit Schmelzflusselektrolyse. Weil die Herstellung von Aluminium relativ energieaufwendig ist, kommt das Material im Planungsinstrument «eco-devis» des Vereins «eco-bau» schlecht weg, findet der Aluminium-Verband. «eco-bau» ist ein Verein und eine gemeinsame Plattform öffentlicher Bauherrschaften zum nachhaltigen Planen, Bauen und Bewirtschaften von Gebäuden und Anlagen. Mit «eco-devis» können Architekten und Planer ökologisch interessante Materialien und Bauleistungen bei der Devisierung erkennen und berücksichtigen. Sie sind als Zusatzkomponente in den Devisierungsprogrammen zum Normpositionenkatalog des CRB abrufbar. Die Methode der ökologischen Beurteilung stützt sich auf die Merkmale von Bauprodukten, wie sie in der SIA-Empfehlung 493 definiert sind. Weil «eco-devis» vom Bund mit 250 000 Franken alimentiert wird, hat der Aluminium-Verband ein besonderes Interesse, die Bewertungs-Kriterien des Materials zu ändern. «Der Beitrag des Bundes an «eco-devis» ist ein Gütesiegel für dieses Planungsinstrument. Umso wichtiger ist darum, dass alle Aspekte eines Materials berücksichtigt werden. Das ist bei der ökologischen Leistungsbeschreibung von Aluminium nicht der Fall», sagt Marcel Menet. Konkret vermisst der Aluminium-Verband die volle Anerkennung des Recycling-Aspekts. Das Umschmelzen von Recycling-Aluminium verbraucht einen Zehntel bis einen Zwanzigstel der Energie als die Herstellung ab Hütte. 14 Kilowattstunden pro Kilogramm werden laut Marcel Menet bei der Herstellung eingesetzt; 1,4 bis 0,7 Kilowattstunden pro Kilogramm beim Umschmelzen.
 

«eco-devis» will nicht Recycling von morgen schon heute verrechnen

«Eco-devis» machte gegenüber dem Verband geltend, dass der von ihm gewünschte Recycling-Aspekt aktuell nicht berücksichtigt werden könne, weil das Aluminium-Produkt aufgrund seiner Langlebigkeit erst nach Jahrzehnten wieder dem Zyklus zugeführt werde. «Wir sind nicht damit einverstanden, das allenfalls einmal stattfindende Recycling des Materials in einigen Jahrzehnten schon heute in einer Ökobilanz zu verrechnen», erklärt Heinrich Gugerli, Vizepräsident von «eco-bau». Auch Barbara Sintzel, Geschäftsführerin von «eco-bau», verteidigt das Bewertungsmodell. «Für alle Baumaterialien werden dieselben, transparenten Bewertungskriterien angewandt. Dazu gehört auch die Anrechnung der Recycling-Quote, aber nur der ausgewiesenen und aktuellen. Die Wasserkraft wird als erneuerbare Energie bei der Bewertung nicht eingerechnet.» Diesen Ansatz hält Marcel Menet für verfehlt: «Wir stellen der nächsten Generation ein Material zur Verfügung, das mit wenig Energieaufwand wieder verwendet werden kann. Zudem wird bei der Herstellung von Hüttenaluminium in über 50 Prozent Energie aus Wasserkraft eingesetzt, deren Gewinnung keine Hypothek für kommende Generationen darstellt.»
 

Parlamentarischer Vorstoss

Gestützt auf eine Studie der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa), die schon 2003 unter anderem den Anteil der grauen Energie in Aluminiumbauteilen beleuchtete, lancierte Ständerat Philipp Stähelin im Oktober 2008 die Interpellation «Aluminium als idealer Baustoff. Falsche Ökobilanz». Darin prangerte er unter anderem überholte Ökobilanzierungsmethoden an, die eine Verzerrung des Wettbewerbs unter den verschiedenen Baumaterialien ergebe. Die Antwort des Bundesrats folgte zwei Monate später. Der Methodik von «eco-devis» wurde der Rücken gestärkt: «Das Programm «eco-devis» basiert auf Daten der Datenbank Ecoinvent. Da diese Basisdaten regelmässig dem neusten Stand der Kenntnisse angepasst werden, können sie kaum als überholt bezeichnet werden.» Der Bundesrat räumte aber ein: «Eine Schwierigkeit der Ökobilanzierung besteht in der Abgrenzung des betrachteten Abschnitts im Lebenslauf eines Produktes. Gerade bei langlebigen Produkten kann der Einbezug der späteren Verwertung in die Bewertung in unterschiedlicher Form erfolgen, ohne dass dies internationalen Normen widerspricht. Die ISO-Norm 14040 ff. erlaubt eine Berücksichtigung des späteren Recyclings von Materialien, schreibt dieses aber nicht vor.» Das Programm «eco-devis» berücksichtigt das Recycling von Aluminium nur in dem Masse, wie heute bereits rezykliertes Aluminium bei der Herstellung neuer Produkte Anwendung finde.
Das Bundesamt für Umwelt und die anderen betroffenen Bundesämter erklärten sich in der Antwort zur Interpellation bereit, gemeinsam mit dem Verein «eco-bau» und der Aluminiumindustrie die Übereinstimmung der in «eco-devis» verwendeten Methodik mit den einschlägigen internationalen Normenwerken zu überprüfen und allenfalls eine differenziertere Darstellung der Resultate zu entwickeln. Seither laufen die Gespräche. Zu einer für alle Beteiligten einvernehmlichen Lösung konnten sich die Experten bislang nicht durchringen. n