Aletschgletscher: Schwindendes Eis sorgt für Hangrutsche

Aletschgletscher: Schwindendes Eis sorgt für Hangrutsche

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Das schwindende Eis des Aletschgletschers wirkt sich auch auf den umliegenden Grund aus: Die Moosfluh bewegt sich laut ETH seit einiger Zeit „in nie zuvor gekanntem Tempo“ talwärts. Dass diese Entwicklungen zusammenhängen, haben Forscher der ETH in einer Studie fest gestellt.

Die Moosfluh, der an den Aletschgletscher grenzende Hang auf dem sich die Bergstation der Moosfluhbahn befindet, rutscht nach und nach talwärts. Deshalb musste die Station im Sommer 2015 ersetzt werden. Das über 23 Millionen Franken teure Projekt beinhaltete unter anderem eine Betonwanne, in die die neue Station eingebaut wurde. Man konzipierte sie so, dass die Geländebewegungen mittels Hydraulik ausgeglichen werden können. Doch letzten Sommer zeigte sich, dass diese Massnahme nicht ausreicht. Zu stark dürften die Rutschungen gewesen sein. Wie der „Walliser Boten“ damals berichtete, bewegte sich das Gelände täglich rund 70 Zentimeter hinunter. In der Folge hatte sich unter der Wanne ein Hohlraum gebildet. Bevor die Herbstsaison zu Ende war, wurde die Bahn geschlossen, damit der Hohlraum unterfüllt werden konnte.

Dass sich der Grund der Moosfluh seit einigen Jahren derart stark bewegt, hängt mit dem Eisschwund des Aletschgletschers zusammen. Dies zeigt eine Studie von Forschern der ETH, die im Fachmagazin „Goephysical Research Letters“ veröffentlicht wurde. Die Wissenschafter stützen sich dabei auf einen umfassenden, einzigartigen Datensatz. Für die Erhebung der Daten setzten sie unterschiedlichste Messinstrumente und –systeme ein: So wurden Laserscanner aus der und vom Boden aus eingesetzt, ebenso Radar- und GPS-Messungen. Zusätzlich wurden Satelliten- sowie alte Messdaten aber auch Landkarten bei der Untersuchung berücksichtigt.

„Aufgrund unserer langjährigen Messungen konnten wir eine kritische Schwelle des Glescherschwundes feststellen, bei welcher sich die Situation sprunghaft verschärfte, aufspüren“, erklärt Andrew Kos gegenüber Online-Magazin der ETH, das über die Studie berichtet. Kos ist ehemaliger ETH-Ingenieurgeologe und Erstautor der Studie. Die Schwelle orteten Kos und seine Kollegen Mitte der 90er-Jahre: Ab dieser Zeit schwand das Gletschereis in verstärktem Ausmass und mit einer zeitlichen Verzögerung von rund neun Jahren intensivierten sich auch die Bewegungen am Hang. Der Aletschgletscher im Vorfeld der Moosfluh habe massiv an Dicke verloren, und die Moosfluh habe sich deutlich beschleunigt und sei in jüngster Zeit im Schnitt 30 Zentimeter pro Jahr abgesackt.

Dass sich die Situation relativ dramatisch verschärft hat, zeigt sich laut den Forschern auch darin, dass die Felsabbrüche am Hangfuss nicht nur häuften sondern auch voluminöser wurden. Während die Geologen bis 2005 einen einzigen Abbruch von 5000 Kubikmetern Fels verzeichneten, begann sich die Lage ab 2011 zu verschlimmern: in diesem Jahr gab es gleich zwei Abbrüche im selben Ausmass wie 2005. Von 2011 bis 2012 gab es sieben Felsstürze.  2012 und 2015 waren es zwar nur zwei, dafür waren sie laut ETH umso wuchtiger: Sie hätten zehn beziehungsweise dreissig Mal mehr Felsmaterial mitgerissen, als die Ereignisse von 2011 und 2012. Letztes Jahr lösten sich gar mit einem einzigen Felssturz gar 2.5 Millionen Kubikmeter Gestein.

Wie Kos gegenüber dem ETH-Magazin erklärt, ist der Hangfuss für die Stabilität des gesamten Hanges besonders kritisch. Denn gibt das Eis den Hangfuss frei, fehlt das Widerlager. Er beginne abzukippen und abzugleiten, heisst es im Artikel. (mai)