2000-Watt-Gesellschaft bald ausgedient?

2000-Watt-Gesellschaft bald ausgedient?

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Der Schweizer Gebäudepark verursacht rund die Hälfte des landesweiten Energieaufwands und der CO2-Emissionen. Mit neuen Technologien und Konzepten will das Departement Architektur der ETH Zürich (D-Arch) dies ändern. Dabei steht nicht das Energiesparen im Zentrum, sondern eine emissionsfreie Architektur.
 
Seit die Menschheit das Feuer entdeckt hat, heizt sie mit Holz und fossilen Brennstoffen, wie Kohle oder Erdöl. Heute stellt die CO2-Problematik und der Klimawandel diese Methode allerdings in Frage. Deshalb fordert das D-Arch einen Paradigmenwechsel; und zwar weg von Verbrennungstechnologien hin zur saisonalen Energiespeicherung. Künftig soll statt Energiesparen Emissionsfreiheit angestrebt werden.

Vor rund zwei Jahren lancierte die ETH Zürich die Energiestrategie 1-Tonne-CO2-Gesellschaft. Nach ihrem Grundsatz darf künftig weltweit nicht mehr als eine Tonne CO2 pro Kopf und Jahr emittiert werden. Nur so lasse sich das globale Klimaschutzziel (maximale Erwärmung der Atmosphäre um zwei Grad Celsius) erreichen, heisst es dazu in der Medienmitteilung der ETH. Für die Schweiz bedeutet dies eine massive Reduktion der Pro-Kopf-Emissionen: berücksichtigt man ausschliesslich die inländische Produktion, beträgt der CO2-Ausstoss rund sechs Tonnen pro Kopf. Mit dem Konzept „Towards Zero-Emissions Architecture“ (Null-Emissions-Architektur) will das D-Arch nun einen Baustein zur Umsetzung der ETH-Energiestrategie liefern. Im Bereich der Gebäudetechnologie, der Konstruktionstechnik und von Material- und Energieflüssen soll aufgezeigt werden, wie sich CO2-Emissionen von Gebäuden während der kommenden Jahrzehnte drastisch senken lassen.

Neue Ideen statt alter Konzepte

Bisherige Ideen wie die „2000-Watt-Gesellschaft“ und „Minergie“ stammen in ihren Grundzügen aus den 1980er- und 1990er-Jahren und stellen das Energiesparen in Zentrum. Das D-ARCH will nun mit der Null-Emissions-Architektur die Grundlagen für einen Paradigmenwechsel schaffen. Das heisst: Weg vom reinen Energiesparen mit hohem Materialeinsatz hin zur Emissionsfreiheit.
 
Die Null-Emissions-Architektur beziehe sich auf den gesamten Lebenszyklus der Gebäude, vom Bau über Betrieb und Unterhalt bis zum Abbruch und zur Entworgung, schreibt die ETH dazu in ihrer Medienmitteilung. Diese Grundsätze liessen sich ebenso auf neue Gebäude anwenden, wie auf die bestehender Bauten, heisst es weiter. Mit dem neuen Ansatz fielen die CO2-Emissionen weg. Der Bedarf an von aussen zugeführten, nicht erneuerbaren Energien sinke stark und die Materialflüsse liessen sich drosseln. Gleichzeitig erlaube die Null-Emissions-Architektur, Bauten und Sanierungsprojekte zu deutlich tieferen Kosten als wie bis anhin zu realisierung.
 
Die Null-Emissions-Architektur basiert auf neuen Technologien, die während der letzten Jahre marktreif wurden. Sie erlauben es, erneuerbare Energien in viel grösserem Umfang als bisher zu nutzen. Die Null-Emissions-Architektur setzt auf eine ganze Palette neuer, technischer Systeme. So hat das Institut für Technologie in der Architektur (ITA) neue multifunktionale Solarpanels entwickelt, die gleichzeitig Wärme und Strom produzieren können. Im Sommer wird die nicht benötigte Wärme mit Sonden bis zu 300 Meter tief in das Erdreich unter das Gebäude geleitet. Im Winter wird die Wärme mittels einer Wärmepumpe zurück gewonnen und für die Klimatisierung der Räume verwendet. Parallel dazu sorgen besonderer Sensoren dafür, dass die gebäude-technologischen Systeme nur dann in Betrieb sind, wenn es tatsächlich notwendig ist. So setzt etwa die Raumlüftung setzt erst dann ein, wenn ein CO2-Sensor registriert, dass sich jemand im Raum aufhält.

Mehr Freiheit für Architekten

Laut der ETH braucht es bei der Null-Emissions-Architektur keine dicken Dämmungen mehr. Dies befreie die Architektur aus dem Korsett standardisierter Vorgaben. Zusammen mit einem reduzierten Materialeinsatz führt dies nicht zuletzt auch zu günstigeren Bauten. Gleichzeitig verhilft die Null-Emissions-Architektur Architekten zu mehr Freiheit bei der Sanierung bestehender Gebäude und bei Projekten in verdichteten Zentrumsgebieten.
 
Die Professoren des D-Arch hätten in ihren Projekten die Ansätze der Null-Emissions-Architektur bereits seit Jahren erprobt und verfeinert, teilt die ETH mit. Beispiele für solche Projekte sind beispielsweise der Erweiterungsbau der International Union for the Conservation of Nature in Gland VD, das Dock E des Flughafens Zürich oder die Zurich International School in Adliswil. Auf dem Campus Science City der ETH Zürich auf dem Hönggerberg wird derzeit das HPZ-Gebäude nach den Grundsätzen der Null-Emissions-Architektur saniert. (mai/mgt)