09:08 BAUPROJEKTE

Gletschergarten Luzern: Neue Passage zum höchsten Punkt des Areals

Geschrieben von: Manuel Pestalozzi (mp)
Teaserbild-Quelle: Manuel Pestalozzi

Der Gletschergarten Luzern hat sich eine neue Passage zum höchsten Punkt des Areals ins massive Gestein sprengen lassen. Die mit Herzblut und grossem Engagement realisierte Felsenwelt wurde Mitte Juli eröffnet. Sie verspricht einen Erlebnisreichtum auf vielen Ebenen. Auch die Qualitäten des Werkstoffs Beton kommen gebührend zur Geltung.

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Quelle: Manuel Pestalozzi

In der Sommerau stehen sich der Ausgang des Lifts und der fast kristallin wirkende Rand des Treppenaufgangs gegenüber.

Die neue Attraktion reiht sich nahtlos in die Geschichte des Gletschergartens ein. Von Beginn weg vermischte sich dort Didaktik mit Unterhaltung. Und seit seiner Eröffnung im Jahr 1873 dokumentierte der Gletschergarten Luzern die Wunder der Natur und gleichzeitig die durch den Mensch erfolgten Eingriffe. Er befindet sich an der steil abfallenden Westflanke des Wesemlin-Hügels, der der nahen Stadt über Jahr-hunderte als Steinbruch gediente.

Nur wenige Schritte trennen den Gletschergarten von der Flanierpromenade am Schweizerhofquai. Seine Adresse lautet Denkmalstrasse, denn unmittelbar südlich von ihm wurde genau vor 200 Jahren in der aufragenden Sandsteinwand das Löwendenkmal eingeweiht. Es erinnert an die während der französischen Revolution beim Tuileriensturm in Paris im Dienste des Königs gefallenen Schweizergardisten.

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Quelle: Gletschergarten Luzern

Der Weg durch das Gestein ist ein integraler Teil des Gletschergartens. Er führt vom Schweizerhaus zur Sommerau, dem höchsten Punkt des Areals.

Direkt nördlich des Denkmals wollte rund fünfzig Jahre später ein Kaufmann seine Weinhandlung bauen. Bei den Fundierungsarbeiten kamen im felsigen Untergrund prähistorische Gletschertöpfe zum Vorschein. Sie wurden in der Folge frei-gelegt und als «Gletschergarten» zugänglich gemacht. Seither ist die pittoreske Mondlandschaft unter der schroffen, jählings aufragenden Hügelflanke ein beliebtes Ziel für Touristen und Schulklassen. Sie gewährt einen direkten Einblick in die Erdgeschichte.

Das ungewöhnliche Landschaftserlebnis neben dem Löwendenkmal, ganz in der Nähe von anderen Sehenswürdigkeiten wie dem Bourbakipanorama, ist Bestandteil des Besuchsprogramms vieler Luzerner Gäste. Die Anlage wurde über die Jahrzehnte durch weitere Attraktionen und diverses Sammelgut ergänzt. Viele stillen hier den naturwissenschaftlichen Wissensdurst, den die Gletschertöpfe geweckt haben. 

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Quelle: Manuel Pestalozzi

Das Portal zur neuen Felsenwelt besteht aus Betonplatten und -blöcken, die um 55 Grad gekippt sind. Die Schräge entspricht der Richtung des Schichtenverlaufs im Gestein und ist als gestalterisches Thema überall erkennbar.

Andere wollen einfach Spass bereiten. Zur letzten Gruppe zählt das legendäre Spiegellabyrinth im maurischen Stil, welches nach der Schweizerischen Landes-ausstellung in Genf von 1896 angekauft wurde – immerhin kann es als «Palais des Glaces» einen sprachlichen Bezug zu den Gletschern geltend machen.

Ein «Saumpfad» wurde in den felsigen Hang gelegt, über den sich der Wesemlinbach in eine Abfolge von Wasserbecken stürzt. Der schmale Fussweg führt vorbei an diversen Stationen, darunter ein hölzerner Aussichtsturm, und endet in der Sommerau, einem kleinen Park über der Hangflanke. Er bietet eine schöne Sicht auf die Stadt und in die Bergwelt. Ursprüngliche, teilweise nachgebesserte Natur und urbane Zivilisation, Bildung und Vergnügen vermischen sich im Gletschergarten seit 150 Jahren auf eigenwillige, ungewöhnliche Weise. Die jetzt eröffnete neue Felsenwelt wurde genau in diesem Geist realisiert.

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Quelle: Manuel Pestalozzi

Über eine sorgfältig freigelegte Gleitschicht im Fels tanzt ein digitaler Punktwolkensturm, der gelegentlich Konturenhistorischer Fauna, etwa jene eines Urelefanten, annimmt.

Geplante Erlebniserweiterung

Als Familienbetrieb erstellt und während zwei Generationen als solcher geführt, ging das Eigentum des Gletschergartens 1930 an eine Stiftung über, welche die Entdeckungen und ihre Zugänglichkeit bewahren soll. Der Hauptzweck der Anlage sind die Erläuterungen zur Erdgeschichte. Der Regierungsrat des Kantons Luzern stellte 1999 auf Antrag der kantonalen Denkmalpflege-Kommission und im Einvernehmen mit der Trägerstiftung und der Stadt diverse Bauten auf dem Areal unter kantonalen Denkmalschutz.

Ende des vergangenen Jahrhunderts begann sich die Stiftung Gedanken zur Zukunft des Gletschergartens zu machen. Die nun, nach drei Jahren Bau und 460 behutsam platzierten und dosierten Sprengungen, realisierte Felsenwelt ist als sensationellster Teil der Erneuerung das Resultat eines längeren Prozesses, der den Beteiligten viel Beharrlichkeit und Grips abverlangte.

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Quelle: Manuel Pestalozzi

Der sanft abfallende Weg endet in einer Kaverne mit einem See, dessen Wasser sich auf Knopfdruck animieren lässt.

Anlässlich einer Medienbegehung liess Corinne Fischer, Präsidentin der Stiftung, einen Tag vor der offiziellen Eröffnung die Planungs- und Realisierungszeit Revue passieren. Neben der Vision, die Ereignisse der Erdgeschichte mit modernen, Aufsehen erregenden Mitteln zu präsentieren, war die Frage der Finanzierbarkeit ein Thema. Die Stiftung setzte eine unverrückbare Kostenobergrenze von 20 Millionen Franken, ein Betrag, den sie nicht alleine aufbringen konnte.

Die Suche nach Geldgebern erwies sich als erfolgreich. Erste namhafte Gönner bewegten die öffentliche Hand dazu, einen «Sockelbetrag» von 16 Millionen Franken beizusteuern. «Dank der etwa 500 Donatorinnen und Donatoren ist die Erneuerung jetzt zu 99 Prozent finanziert», resümierte Corinne Fischer.

Um den Kostenrahmen einzuhalten, musste das Projekt «geknetet» und optimiert werden, es waren auch Kompromisse nötig. Aber die vom Geologen Franz Schenker angeregte Vision, die Erdgeschichte auf einem neuen Weg durch das Gestein physisch spürbar zu machen, ist Realität geworden und bietet dem Publikum ein einmaliges, spektakuläres Erlebnis.

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Quelle: Miller & Maranta AG

Der Eingang zur Felsenwelt liegt zwischen dem Spiegellabyrinth und dem neuen Sandsteinpavillon. Durch Knicke ist der Weg zur Kaverne in regelmässige Abschnitte gegliedert.

Keine Architektur

Die architektonische Umsetzung der Erneuerung wurde vor mehr als zehn Jahren dem Architekturbüro Miller & Maranta AG aus Basel anvertraut. Zum Konzept gehören die «Befreiung» des geschützten Schweizerhauses, dem einstigen Wohnhaus der Gründerfamilie, von diversen Anbauten, ein schlichter neuer Eingangs-pavillon zum Spiegellabyrinth, das in der Hangflanke verborgen liegt, und ein neuer Sandsteinpavillon am Nordrand des Areals. Die Fertigstellung des Betonmonoliths für Ausstellungen, gebaut mit Aushubmaterial des neuen Wegs ins Erdreich, ist auf Ende dieses Jahres geplant.

Nach der Meinung des Architekten Quintus Miller sein der von seinem Büro geplante Weg durch die Sandsteinschichten keine Architektur: «Es ist etwas anderes». Er stellte Bezüge her zu den Wunderkammern der Renaissance und sprach von einer neuen Zeitschicht, die sein Team in das Areal eingefügt hat. 

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Quelle: Miller & Maranta AG

Die Höhe der verschiedenen Wegabschnitte variiert, die anschliessende Treppenskulptur wird durch einen Schacht seitlich mit Tageslicht versorgt.

Das gebotene Erlebnis erinnere an die Zukunftsromane von Jules Verne aus dem 19. Jahrhundert, in denen mit Wagemut in unbekannte Höhen und Tiefen, etwa zum Mittelpunkt der Erde, vorgedrungen wird. Die Felsenwelt bedeute eine Verschmelzung von Natur und Architektur, so Miller, wie man es vom Felsentempel in Petra in Jordanien kenne oder vom Parc des Buttes-Chaumont in Paris, der in einem alten Steinbruch angelegt wurde. Die Szenographie der neuen Attraktion leistet ebenfalls einen Beitrag zu dem in jeder Hinsicht tiefen Erlebnis, das nun im Gletschergarten gemacht werden kann. 

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Quelle: Manuel Pestalozzi

Im Lichtschacht des Treppenaufgangs treffen Beton und Gestein aufeinander. Die Ankerplatten machen den menschlichen Eingriff erkennbar.

Durchs Betonportal in den Stein

Die Felsenwelt wird gegenüber dem Schweizerhaus durch ein expressives Ortbetonportal betreten. Dieses besteht aus schrägen Blöcken und Platten, die zwei rechteckige Öffnungen einfassen. Das Kippen der Öffnungen um 55 Grad entspricht dem Verlauf der Sandsteinschichten im Fels; die schrägen Ebenen bestimmen auch die Hohlform der in das Gestein geschlagenen Gewölbe.

Diese wurden mit viel Handarbeit modelliert, wie Stiftungspräsidentin Corinne Fischer erklärte. Der Weg durch die Unterwelt führt in neun aufeinander folgenden Knicken von rund 90 Grad sanft abwärts. Dieser Verlauf teilt die Strecke in eine regelmässige Abfolge von gut proportionierten, unterschiedlich hohen Felskammern, die sich thematisch gliedern lassen.

Die überschaubaren Etappen wirken auch einem möglichen Gefühl der Klaustrophobie entgegen. Am tiefsten Punkt finden sich die Besucherinnen und Besucher in einer Kaverne mit einem See wieder. Dieser wird mit Regenwasser gespiesen, das sich über einen künstlich erzeugten Wasserwirbel animieren lässt.

Von dieser Kaverne führen ein Lift und eine skulpturale Treppe empor zur Sommerau. Neben der Treppe verläuft ein nach oben offener Lichtschacht. Bei der Gestaltung dieses Aufstiegs kam viel Ortbeton zum Einsatz, wiederum um 55 Grad abgeschrägt. Architekt Miller wies auf das Können hin, welche für die Schalung, Armierung und das einwandfreie Einbringen des Betons erforderlich war.

Das Ergebnis ist eine vielfältige, doch geometrisch präzise Zackensilhouette, die in der Sommerau aus dem Gestein dringt und in seiner Wirkung – im Gegensatz zum feinkörnigen, teilweise speckigen Sandstein – kristallin anmutet. Der menschliche Eingriff grenzt sich mit dieser Intervention dezidiert von der Natur ab.

Perfekte Inszenierung

Die Felsenwelt führt das Publikum zuerst in die Tiefe und anschliessend steil empor, zum Licht und zum höchsten Punkt des Areals, von wo man die Sicht auf die Stadt und den Gletschergarten hat. Von der Sommerau führt der «Saumpfad» wieder hinab zum Schweizer Haus. Wer auf einen schwellenlosen Rückweg angewiesen hat, benutzt den Lift.

Selbstverständlich bietet die Felsenwelt mehr als einen Spaziergang. Didaktisches und das Unterhaltsames wurden in den Weg integriert. Dies geschah mit modernster Technik und zurückhaltend – die Inszenierungen unter der Regie des Velvet Creative Office, Luzern, sollen die Natur nicht konkurrenzieren oder ihr gar den Rang ablaufen. 

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Quelle: Manuel Pestalozzi

Architekt Quintus Miller wies beim Besichtigungsrundgang auf die hohe Qualität der Betonarbeiten hin.

Kunstlicht wird punktuell und zurückhaltend eingesetzt. In den hintereinander liegenden Abschnitten der Felsenwelt werden die prägenden Kapitel der Erdgeschichte erzählt: die Entstehung des Felsens am Grunde des Urmeeres, der subtropische Sandstrand, der die Region Luzern damals war. Über das rohe Gestein wirbeln Punktwolken-Projektionen wie Sandkörner oder Schneeflocken. Gelegentlich verdichten sie sich zu Motiven aus der Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt, welche die erdgeschichtliche Entwicklung begleitet haben.

Ins Treppenhaus integriert ist ein sogenanntes Kosmophon. Wer will, kann hier ganz persönliche Tonbotschaft an die Ewigkeit schicken. In die Wände wurden fossilierte Kulturgüter unserer Zeit gegossen. Sie repräsentieren die Hoffnung, dass dieser Vorstoss in die prähistorische Welt zeitlos sein wird.

Das Baublatt berichtete bereits in der Ausgabe 6 / 2020 von der Bauphase des Gletschergartens.

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