08:04 BAUPRAXIS

Wie Tinguelys Kunstmaschinen in Schuss gehalten werden

Teaserbild-Quelle: Museum Tinguely, Basel, Foto: Weisswert

Im Basler Museum Tinguely kämpfen die Restauratoren ununterbrochen gegen den Verfall. Unweigerlich nutzen sich Teile ab, wenn sich die ausgestellten Maschinen in Gang setzen. Museumsbesucher erhalten in der neuen Schauwerkstatt Einblick in ihre Arbeit.

Museum Tinguely Basel Restauratoren Chantal Willi und Jean-Marc Gaillard

Quelle: Museum Tinguely, Basel, Foto: Weisswert

Die Restauratoren Chantal Willi und Jean-Marc Gaillard beim Vorbereiten eines Kunstwerks für die Ausstellung.

Wenn sich Jean-Marc Gaillard an seine Anfänge in der Werkstatt des Künstlers Jean Tinguely zurückerinnert, muss er schmunzeln: «Meine erste Schweissnaht, die ich für Tinguely gemacht habe, war perfekt. Gelernt ist schliesslich gelernt. Tinguely aber sagte doch glatt: «Die ist ja grusig. Jetzt drehst du den Apparat mal 40 Ampère runter und machst das nochmal!» Irgendwann wurde ihm klar, dass es nicht um perfekte Schweissnähte ging, sondern darum, dass die geschweissten Teile möglichst so aussehen sollten, wie Tinguely sie eben machte.

Im Laufe seiner fünf Jahre in Tinguelys Atelier habe er die Ideen des Künstlers immer weiter verinnerlicht, erzählt Gaillard: «Ich kann bis heute sehen, wer genau die Schweissnähte an den Werken gemacht hat.» Bis heute zehrt er von der Erfahrung, mit dem Künstler persönlich zusammengearbeitet zu haben. Denn Gaillard kann sein damals erworbenes Wissen für die Arbeit als Restaurator der Maschinen-Skulpturen im Museum Tinguely in Basel bestens brauchen. Zusammen mit seiner Kollegin Chantal Willi betreut er die 150 Maschinen, die die Basler Museumssammlung umfasst.

Tinguely hat ungefähr 1500 Maschinen geschaffen, die heute in aller Welt verteilt sind. Gaillard heimlicher Ehrgeiz ist, sie irgendwann einmal alle einmal in den Händen gehabt zu haben. «Im Moment bin ich etwa bei der Hälfte», lautet aktueller Zwischenstand.

Arbeit hinter den Kulissen

Den erneuten Lockdown hat man im Museum nun genutzt, um die Ausstellungsräume neu einzurichten. Eine arbeitsreiche Zeit, auch für Willi und Gaillard. Aber damit nicht genug. Neben der neu präsentierten Sammlung wurde im obersten Stockwerk zusätzlich ein Schauatelier eingerichtet. Es soll den Besuchenden die Arbeit des Restauratorenteams näher bringen, die ja bisher grossteils hinter den Kulissen stattfand. Im Atelier werden die Werke von Jean Tinguely gepflegt, gewartet und gegebenenfalls wiederhergestellt. All das kann man neuerdings hinter einer breiten Glasfront verfolgen.

Die beiden Restauratoren wollen aber nicht nur ihre Arbeit zeigen, sondern das Atelier auch als Ort nutzen, an dem sie sich mit Fachkollegen austauschen können, die an ähnlichen Themen und Objekten arbeiten. «Wir lernen bei unserer Arbeit so viele tolle Leute kennen. Viele Mechaniker oder Restauratorinnen, mit denen wir zusammenarbeiten, sind irgendwann vom Thema so begeistert wie wir», berichten sie.

Farbe aus dem nächsten Baumarkt

Manchmal nützt es auch, dass der Restaurator einige Jahre in Jean Tinguelys Werkstatt verbracht hat und seine umstandslose Arbeitsweise gut kennt: «Wenn mich jemand aus einem anderen Museum fragt, welche schwarze Farbe genau der Künstler für diese oder jene Maschine wohl verwendet habe, antworte ich ihm: Schau, wo Tinguely die gebaut hat und finde heraus, welches damals der nächste Farbenladen war. Mit Sicherheit hat er einfach dort das günstigste Schwarz gekauft, das vorrätig war.» 

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