10:03 BAUPRAXIS

Thomy-Gebäude in Basel: Der Sitz des Senf-Imperiums

Teaserbild-Quelle: Ruedi Walti Basel

Die Firma Thomi + Franck verwaltete von einem lichtdurchfluteten Bau aus einst die Produktion ihrer Produkte wie Senf und Mayonnaise. Längst ist das Gebäude verkauft und anderen Nutzungen zugeführt. Dank ausgeklügelter Struktur lässt es sich heute an alle Nutzerwünsche leicht anpassen.

Thomy-Gebäude Basel Fassade

Quelle: Ruedi Walti Basel

Die Fassade ist lichtdurchflutet gestaltet. Die filigranen Deckenstirnen, die wie Balkone an der grosszügig verglasten Südseite wirken, sind eigentlich nicht zum Betreten gedacht, sondern sollen im Sommer etwas Verschattung bringen.

Das Gebäude wurde 1961 von Burckhardt Architekten als repräsentatives Verwaltungsgebäude für die Firma Thomi + Franck in Basel geplant. Zusammen mit dem Pförtnerhaus, dem Vordach und der Vorplatzgestaltung bildet der Verwaltungsbau ein Ensemble das längst im Inventar schützenswerter Bauten eingetragen ist. 

Gesehen hat es vermutlich schon fast jeder Schweizer: Wer über die Stadtautobahn durch Basel Richtung Deutschland fährt, kommt unweigerlich am Gebäudeensemble vorbei, dessen Lager- und Fabrikationsgebäude zur Autobahnseite hin eine mehrere Stockwerke hohe Senftube und den bekannten Schriftzug trägt. 

Thomy Fabrikations- und Lagergebäude Basel

Quelle: Alexandra von Ascheraden

Das angrenzende Fabrikations- und Lagergebäude von 1962 stammt ebenfalls von Burckhardt Architekten. Es ist 38 Meter hoch. Das Erdgeschoss ist als Hochparterre ausgestaltet, da die An- und Abtransporte über einen Gleisanschluss samt eigener Drehscheibe erfolgten. Die Gleise führten ursprünglich bodeneben durch das Gebäude. Die berühmte Thomy-Senftube setzt an der Fassade Zeichen.

Kein Wunder: Das bekannteste Hauptprodukt von Thomi + Franck war lange Zeit Senf. Anfangs wurde er in Steintöpfen verkauft. Später liess Hans Thomi die Alu-Tube entwickeln. Sie hielt den Senf länger frisch. Aus dem «i» im Familiennamen machte er auf der Senftube später ein «y». Er fand das graphisch ansprechender. Das Unternehmen ist heute im Besitz von Nestlé und das Verwaltungsgebäude im Besitz einer Immobilienfirma.

Im fünften und sechsten Stockwerk, der ehemaligen Direktionsetage, haben sich heute die SSA Architekten eingemietet. Sie zeigten ihre Büros und die Umbauarbeiten in den tieferen Stockwerken im Rahmen der Architektur-Dialoge Basel. Für ihre eigenen Büroräumlichkeiten haben sie alles bis auf die Tragstruktur zurückgebaut, um die Geschosse als Ganzes erlebbar zu machen.

Interne Treppe hinzugefügt

Stellwände unterteilen den Grossraum in einzelne Kojen. Nur eine interne Treppe wurde hinzugefügt, um die Kommunikation innerhalb der beiden Stockwerke zu erleichtern. Die ausgeklügelte, minimalische Tragstruktur sorgt dafür, dass die Geschosse flexibel nutzbar sind. Tragende Wände gibt es nicht. Lediglich wenige Stützen strukturieren den Raum. 

Thomy-Gebäude Basel Treppenhaus

Quelle: Alexandra von Ascheraden

Das Treppenhaus befindet sich noch im Originalzustand. Anders als die Liftanlage – der Direktionsaufzug, der direkt in den sechsten Stock durchfuhr, ist längst durch ein gewöhnliches Modell ersetzt, das auf allen Stockwerken hält.

Thomy-Gebäude Basel Verbindungstreppe

Quelle: Alexandra von Ascheraden

Neu ist die schmale Verbindungstreppe zwischen dem fünften und sechsten Stockwerk. Sie ist mit Schränken verkleidet und fügt sich so minimalistisch in die Bürostruktur ein.

Christian Eichhorn, Associate bei SSA Architekten, erklärt: «Das Erdgeschoss wurde durch sechs Doppelstützen freigespielt. Dazu kommt der Kern, der im Erdgeschoss hinter einer Bruchsteinwand der Lobby versteckt ist und als tragendes statisches Element durch alle Stockwerke läuft. Über diese Konstruktion wird im Prinzip die ganze Last des Gebäudes abgeführt. Das erlaubte eine grosse, repräsentative Lobby, wie sie in den 1960er-Jahren in Mode war.» Dazu kommen Fassadenstützen, die weitere Lasten auffangen und auf den «Tisch» abführen, der aus der einen Meter starken Decke über dem Erdgeschoss und den erwähnten sechs Doppelstützen besteht. 

Filigrane Geschossdecken

Die weiteren Geschossdecken sind dann nur noch filigrane acht Zentimeter dick. Eichhorn merkt an: «Leider hat damals noch niemand an Trittschalldämmung gedacht. Wenn einer im ersten Stock das Glas fallen lässt, hören wir das oben im sechsten.» 

Probleme machen heute auch die Heizung und Lüftung. Als Teil eines Betriebskomplexes mit Produktions- und Lagerhallen war das Gebäude noch nie autonom an die Energieversorgung am öffentlichen Netz angeschlossen. Es wird über die Abwärme der Produktion von Nestlé versorgt. 

Thomy-Gebäude Basel Umgebungsgestaltung

Quelle: Alexandra von Ascheraden

Die Umgebungsgestaltung stammt ebenfalls aus der Bauzeit. Die unterschiedlich ausgestatteten Hexagone wurden ursprünglich von Fischteichen unterbrochen. Diese sind heute durch Kiesflächen ersetzt.

Bisher wird das Gebäude rein über Luft geheizt. Die Auskragung im ersten Obergeschoss ist sogar mit einer Fussbodenheizung ausgestattet. Diese wurde jedoch mit der Erneuerung der Heizungsanlage stillgelegt. Das neue Heizkonzept sieht nun vor, dass Deckensegel zwischen den Trägerlagen eingezogen werden. Sie sollen akustische Funktionen übernehmen, sind aber auch mit Heizschlaufen versehen. Im ersten Obergeschoss ist dieses Konzept bereits realisiert. Bewährt es sich, sollen die anderen Stockwerke folgen. Mit dem neuen Haustechnikkonzept werden dann die Lüftung und die Heizung entkoppelt und getrennt voneinander betrieben.

Mehrfach umgenutzt

Sarah Righetti, Associate bei SSA Architekten, erzählt gern, weshalb das Architekturbüro ausgerechnet in dieses Gebäude gezogen ist: «Wir haben eines der Verwaltungsgebäude gegenüber gebaut und hatten dabei immer wieder Blick auf dieses Gebäude hier. Irgendwie haben wir uns in es verliebt. Als es 2016 an ein Immobilienunternehmen verkauft wurde, haben wir uns umgehend eingemietet.». 

Kurzerhand hat das Architekturbüro die Räume gleich selbst nach ihren Bedürfnissen umgebaut, was ungewöhnlich einfach war. Righetti: «Ein grosser Vorteil des Gebäudes ist, dass sehr flexibel ist und sehr viel zulässt.» Es wurde seit der Bauzeit bereits mehrfach umgenutzt und hat bisher alles mitgemacht. 

Thomy-Gebäude Basel Originalplan Erdgeschoss

Quelle: Thomi + Franck AG

Der Originalplan des Erdgeschosses zeigt auch die Planung des Aussenraums, die auf Sechsecken basiert und bis heute grossteils erhalten ist.

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