Das Rosental-Areal in Basel wird dichter und höher

Teaserbild-Quelle: Firmenarchiv Novartis
Rosental-Areal in Basel

Das abgeriegelte Rosental-Areal in Basel wird geöffnet und etappenweise entwickelt. Bis zu 160 Meter hohe Gebäude dürfen dort entstehen, fast sechzig Meter höher als der Messeturm. 

Rosental-Areal auf den Rosentalmatten
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Firmenarchiv Novartis

Das Rosental-Areal auf den Rosentalmatten hat sich seit dem Bau der ersten Fabrik, damals noch J.R. Geigy, vor über 150 Jahren enorm verändert. Damals lag es vor der Stadt, doch längst ist es vollständig umbaut. 

Basel ist eine Stadt der «verbotenen Städte». Der umzäunten und für die Öffentlichkeit gesperrten Areale der Chemieriesen. Ursprünglich hatte die chemische Industrie ihre Produktion ausserhalb der Stadt angesiedelt. Basel wuchs und umschloss diese Areale bald. Es entstanden, schon aus Sicherheitsgründen abgeschirmte, nicht zugängliche Flächen mitten in der Stadt.

Die Chemieproduktion ist längst verlagert, die Areale werden frei. So erhält die Stadt am Rheinknie dringend benötigte Entwicklungsflächen. Nach dem Klybeckareal im Jahr 2016 (siehe Baublatt Nr. 5 von 2017; Klybeckareal: Platz für Basels Entwicklung) wird jetzt auch das an den Badischen Bahnhof grenzende und nach wie vor für Passanten gesperrte Rosental-Areal für die Stadtentwicklung frei.

Das städtebauliche Leitbild für das Areal hat das Architekturbüro Herzog & de Meuron erarbeitet. Pierre de Meuron fasste bei der Präsentation des Projekts vor den Medien zusammen: «Das Gelände ist heute ein eingezäunter, abgeschlossener Block. Wir werden es vom Rand her sukzessive öffnen. Ziel ist ein kompaktes, durchmischtes Quartier mit kurzen Wegen.»

Auf dem noch geschlossenen Areal sind aktuell rund dreissig Firmen mit 3500 Arbeitsplätzen angesiedelt, darunter auch Forschungseinrichtungen der Uni Basel, der ETH, der FHNW sowie das Friedrich Miescher Institut. Es werde keine «Tabula rasa» geben, so de Meuron: «Wichtige bauliche Zeitzeugen werden als Identitätsträger erhalten.»

Pierre de Meuron erklärt bauliche Entwicklung für das Rosental-Areal
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Alexandra von Ascheraden

Pierre de Meuron erklärt die für das Rosental-Areal vorgesehene bauliche Entwicklung. Die Plexiglaskuben deuten an, bis zu welcher Höhe dort gebaut werden dürfte – und vermutlich auch wird. Zum Vergleich: Der Lindenholzkubus in der Bildmitte steht für den 105 Meter hohen Messeturm. 

Freiräume und Knotenpunkte schaffen

Im heutigen Zustand ist das zentrumsnahe Quartier, das das Rosentalareal umgibt, mit grossen sozialen Herausforderungen konfrontiert. Es ist ein typisches Ankunftsquartier für Zuzüger. Lediglich ein Fünftel der Bevölkerung wohnt seit mehr als zehn Jahren im Quartier, so wenig wie in keinem anderen Basler Stadtviertel.

Entsprechend gering ist das Zugehörigkeitsgefühl der Einwohner zum Quartier, wie eine Umfrage von 2012 ergab. Freiräume und Knotenpunkte des öffentlichen Austauschs, die die Identifikation stärken könnten, fehlen komplett. Das soll durch die Öffnung des Areals verbessert werden. Das Areal soll dem Quartier nach seiner Öffnung zentrale Freiflächen bieten und dabei so weit als möglich vom motorisierten Individualverkehr abgeschirmt bleiben.

Die Basler Regierungsrätin Eva Herzog, Vorsteherin des Finanzdepartements, ist überzeugt: «Für den Kanton ist das eine grosse Chance. Ich bin froh, dass es die Professionalisierung im Bereich Liegenschaften der Stadt Basel ermöglicht hat, dieses Areal in idealer Lage zu erwerben.»

Das war früher noch anders. Im Jahr 2007 hatte die damalige Besitzerin Syngenta den Grossteil des Areals an einen englischen Investor mit Sitz in Gibraltar verkauft. Diese 47 000 Quadratmeter wollte der neue Eigentümer acht Jahre später wieder abstossen. Diesmal nutzte der Kanton die Chance. 2019 konnte er sich gemeinsam mit seiner Pensionskasse weitere 23 600 Quadratmeter sichern, die Syngenta zum Kauf anbot. Der Agrochemie-Konzern wird die dort befindlichen Gebäude vorerst für weitere zehn Jahre als Mieter nutzen.

Gigantisches Potenzial liegt brach

Das Areal grenzt direkt an den Badischen Bahnhof und liegt nah zur Messe und Autobahn. Pierre de Meuron beschreibt die räumliche Situation so: «Der Teppichvorleger des Badischen Bahnhofs bedarf dringend einer Auffrischung. Um den Badischen Bahnhof liegt ein gigantisches Potenzial brach.»

Die Chance dazu will Basel jetzt ergreifen. Ein weitere Pluspunkt des Geländes sei, so de Meuron, dass der Anschluss an die Stadt deutlich besser gelöst sei als am Bahnhof SBB, von dem aus man sich erst einmal seinen Weg ins Stadtzentrum suchen müsse.

Der Architekt skizziert die Pläne: «Wir wollen 3000 bis 5000 zusätzliche Arbeitsplätze ins Areal holen. Dazu kommen Gewerbeflächen für Läden und Gastronomie sowie Wohnflächen für 1100 bis 2200 Menschen.»

Kantonsbaumeister Beat Aeberhardt präzisiert das Vorhaben: «Es soll ein differenziertes Wohnangebot entstehen, das Flächen in unterschiedlichen Preissegmenten anbietet, damit soziale Durchmischung gegeben ist.» Auch Genossenschaften sollen zum Zuge kommen.

Das städtebauliche Konzept sieht vor, die bestehenden Bauten Schritt für Schritt zu entwickeln. Gewisse Bauten aus der Industriegeschichte bleiben erhalten. Das seien, wie Aeberhardt einräumt, «nicht alles Häuser von besonderer Schönheit, sondern Charakterarchitekturen, die bereits mehrfach umgebaut und umgenutzt wurden.» Gewisse Gebäude werden lediglich saniert und umgebaut, andere abgerissen, um Platz für verdichtetes Bauen zu machen. Das soll etappenweise geschehen.

Riehenteich
Quelle: 
Herzog & de Meuron

Der Riehenteich war ein Gewerbekanal für die Industrie, der im 13. Jahrhundert angelegt wurde. Er wurde 1917 stillgelegt und später überbaut. An seiner Stelle soll eine Grünanlage entstehen, allerdings erst in einer späteren Bauphase. Zuerst müssen zwei Einstellhallen zusammengelegt werden, damit die im Bereich der künftigen Anlage liegenden Zufahrten abgetragen werden können.

Die Neubauten werden drei verschiedenen Typen zugeordnet. Nahe an bestehender Wohnbebauung wird man sich auf 22 Meter Höhe beschränken, also die bestehenden Wohnbauten zum Massstab nehmen. Weiter innen folgen bis zu 40 Meter hohe Häuser.

Im Zentrum des Areals sind deutlich höhere, turmartige Gebäude vorgesehen. Im Vollausbau sollen bis zu sechs Hochhäuser mit bis zu 160 Meter Höhe möglich sein. Zum Vergleich: Der nahegelegene Basler Messeturm bringt es mit 31 Etagen auf 105 Meter Höhe und 24 600 Quadratmeter Mietfläche.

Dichter als alles, was man in Basel kennt

Laut städtebaulichem Leitbild könnten auf dem Areal bis zu 335 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche untergebracht werden. Dichte und Höhe lägen dann deutlich über allem, was man in Basel bisher kennt.

Die Frage der Altlasten auf diesem ehemaligen Produktionsareal der Chemieindustrie stellt sich spätestens bei Neubauten. Noch hält man sich dabei bedeckt und teilte nur mit, ein Grundlagenbericht über die Altlastensituation sei Anfang 2017 abgeschlossen worden. Man sei nun an weiteren Untersuchungen des Untergrunds.

Eine langjährige Grundwasserüberwachung habe für den heutigen Zustand keine Gefährdung identifiziert. Bei den Baumassnahmen sei mit belastetem Aushubmaterial sowie einer Wasserhaltung und erneuter Grundwasserüberwachung während der Bauzeit zu rechnen. Klar ist bereits: Der Kanton übernimmt die Kosten der Sanierungen.

Die Geschichte des Chemie-Areals

Das Werk Rosental ist das älteste Chemie-Areal Basels. Als es 1858 von der Material- und Farbenhandlung J. R. Geigy bebaut wurde, lag es noch ausserhalb der Stadt. Geigy hatte um 1830 begonnen, nicht mehr nur Handel zu betreiben, sondern auch Farben selbst herzustellen. Dafür  benötigte die Firma eine neue Farbholzmühle, für die sie das Rosental als Standort wählte. Ausschlaggebend für die Standortwahl war schon damals die Nähe zum Badischen Bahnhof, der 1855 noch ein Provisorium am heutigen Messeplatz war. Anfangs wurden im Rosental Farbstoffe für Textilien hergestellt. Dazu wurden die Farbholzmühle, ein Geschäftshaus und ein Fabrikgebäude errichtet.

Farbenfabrik von Geigy im Jahr 1927
Quelle: 
Firmenarchiv Novartis

Die Farbenfabrik von Geigy im Jahr 1927.

  • 1859 nimmt die Extraktfabrik den Betrieb auf und stellt erstmals Farben industriell mit Hilfe einer Dampfmaschine her.
  • 1868 produziert Geigy im Rosental-Areal sowohl natürliche als auch künstliche Farbstoffe. Geigys Farben gehen an die weltweit führenden Produktionsstätten der Textilindustrie.
  • 1871 sind bereits 66 Arbeiter sind in den Fabrikhallen im Rosental beschäftigt.
  • 1884 wird das Unternehmen Bindschedler & Busch an der Klybeckstrasse in die Gesellschaft für Chemische Industrie in Basel umgewandelt (die spätere CIBA).
  • 1897 wird letztmals der natürliche Farbstoff Indigo importiert. Geigy setzt nun auf die Herstellung von synthetischen Farben.
  • 1925 beginnt Geigy die Forschung auf dem Gebiet der Textilveredlungsprodukte wie Waschmittel und Weichmacher, später der Mottenschutz für die Wollfärberei, dessen grosser Wurf 1938 gelingt – die Marke Mitin.
  • 1935 beginnt Geigy mit der Produktion von Insektiziden. Bald folgen Fungizide, Saatgutbeizen und mit dem Aufbau einer pharmazeutischen Abteilung 1938 die Heilmittel.
  • 1939 entdeckt Paul Hermann Müller, Forscher bei Geigy, Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT), das im Zweiten Weltkrieg zunächst gegen Seuchenüberträger eingesetzt wird. Dafür erhält er 1948 den Nobelpreis für Medizin. DDT ist jahrzehntelang der Bestseller unter den Insektiziden. Es wirkt sehr gut und ist für Säugetiere nur wenig toxisch, lagert sich aber im Gewebe an und kann hormonähnliche Wirkungen entwickeln. Deshalb wurde es in vielen Industrieländern bereits in den 1970er-Jahren verboten wurde. Seit 2006 erlaubt die Weltgesundheitsorganisation  den begrenzten Einsatz von DDT in Epidemiegebieten wieder.
  • 1956 wird mit dem Hochhaus an der Schwarzwaldallee ein neues Bürogebäude im Rosental eingeweiht (2017 abgerissen). Es ist eines der ersten Hochhäuser im Kanton Basel-Stadt.
Fabrikgelände um 1938 auf Rosental-Areal
Quelle: 
Firmenarchiv Novartis

Das Fabrikgelände um 1938. Geigy verstärkt seine  Forschung auf dem Gebiet der Textilveredlungsprodukte.

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  • In den 1960er-Jahren verlagert Geigy die Produktion komplett in das 1939 fertiggestellte Werk Schweizerhalle (BL). Die Betriebsbauten werden abgerissen, an ihrer Stelle entstehen Laborgebäude.
  • 1970 schliessen sich Geigy und Ciba mit den Stammwerken Rosental und Klybeck zu Ciba-Geigy zusammen.
  • 1974 führt Ciba-Geigy das Rheuma- und Schmerzmittel Voltaren, das Geigy ab 1966 im Werk Rosental entwickelte, in der Schweiz und in Japan ein.
  • 1996 fusionieren Sandoz und Ciba-Geigy zu Novartis.
  • 2000 entsteht Syngenta aus Novartis Agrobusiness und Astra Zeneca Agrochemicals. Das Rosental-Areal geht an Syngenta über. Es ist seither Hauptgeschäftssitz dieses ausschliesslich auf den Agrarbereich ausgerichteten Unternehmens.
  • 2007 verkauft Syngenta grosse Teile des Areals an einen Investor mit Sitz auf Gibraltar, verlegt die Chemielabors nach Stein (AG) und behält nur eine Kernzone von 2,5 Hektar im Rosental-Areal.
  • 2016 meldet die Stadt Basel, dass es ihr gelungen sei, den Grossteil des Rosental-Areals vom Investor zu erwerben.
  • 2019 kauft der Stadtkanton weitere Flächen von Syngenta. Das Architekturbüro Herzog & de Meuron wird mit der Erarbeitung des städtebaulichen Leitbilds betraut.

Quellen: u.a. Broschüre «Die Geschichte des Basler Rosental Areals», Herausgeber Syngenta, 2008; Firmenarchiv der Novartis AG

Rosental-Areal im Jahr 1974
Quelle: 
Firmenarchiv Novartis

Das Rosental-Areal im Jahr 1974. Die Firmen Geigy und Ciba haben sich inzwischen mit den Stammwerken Rosental und Klybeck zu Ciba-Geigy zusammengeschlossen.

Autoren

Freie Mitarbeiterin für das Baublatt.