Luxusgut Grabplatz: Es wird eng auf dem Gottesacker

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Luxusgut Grabplatz

In England sind vielerorts die Friedhöfe fast vollständig belegt. Auf der Suche nach Lösungen werden die Gemeinden kreativ. Und ein Experte für öffentliche Gesundheit wagt einen ungewöhnlichen Vorschlag.

Ein Grabplatz im altehrwürdigen Friedhof «Highgate» in London kostet 22'000 Franken.
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Ein Grabplatz im altehrwürdigen Friedhof «Highgate» in London kostet 22'000 Franken.

Etwa 500000 Menschen sterben in England und Wales jedes Jahr. Nun werden die Grabplätze knapp. Einer Studie der BBC zufolge rechnet ein Viertel der Gemeinden damit, dass ihre Friedhöfe spätestens in fünf Jahren voll belegt sind. Gerade in städtischen Regionen sind die Grundstückspreise unterdessen in derart unerreichbare Höhen gestiegen und die Besiedelung so dicht, dass an eine Erweiterung bestehender Flächen nicht zu denken ist. Schliesslich lassen sich die Grabgebühren nicht unendlich erhöhen, nur weil man davon den Landkauf refinanzieren muss. Andernorts steht das Grundwasser so hoch, dass geeigneter Grund schwer zu finden ist.

Es sei absehbar, so die «Financial Times (FT)» in einem ausführlichen Bericht, dass ein Grabplatz in Zukunft zum Luxusgut werden könnte. Auch aufgrund der ständigen Budgetkürzungen müssen die Gemeinden jetzt schon immer höhere Gebühren verlangen. Sie stiegen, so der Bericht, zwischen 2008 und 2018 um siebzig Prozent.

Im landesweiten Schnitt betragen sie 4800 Pfund (etwa 5200 Franken). Spitzenreiter sind die Grabplätze im altehrwürdigen Friedhof «Highgate» in London, der sich allerdings in privater Hand befindet. Dort kostet ein Grabplatz 199'940 Pfund (etwa 22'000 Franken). Für das fachgerechte Ausheben des Grabes mit dem Minibagger kommen nochmals 2000 Franken dazu.

Explodierende Preise

Überall im Land ringen Gemeinden verzweifelt um Lösungen. Die «Financial Times (FT)» schildert das am Beispiel des 30'000 Einwohner zählenden Städtchens Bichester. Der Friedhof hat etwa 5000 belegte Grabstellen. Im April, als die letzte Zählung durchgeführt wurde, waren gerade noch 36 Erdgräber und 23 Urnengräber frei. Natürlich wollte die Gemeinde den Friedhof längst erweitern. Aber das ist leichter gesagt als getan.

Ein Bauvorhaben, das zwischen 2013 und 2031 über 10'000 neue Wohnungen errichten will liess die Grundstückspreise nach oben schiessen. Die Bauern wollten ihr Land seitdem keinesfalls unter dem neuen Preis von 1 Million Pfund pro Morgen (4047 Quadratmeter) hergeben.

Sie weigerten sich allesamt, der Gemeinde für die dringend benötigte Friedhofserweiterung das Land günstiger abzugeben. Als Notmassnahme ist es seit mehr als zehn Jahren nicht mehr möglich, ein Grab vorab zu reservieren. Wo immer möglich werden die vorhandenen Plätze in Etagen mit mehreren Leichen übereinander belegt.

Laut einem Bericht der «Financial Times (FT)» könnten Grabplätze in Zukunft zum Luxusgut werden.
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Laut einem Bericht der «Financial Times (FT)» könnten Grabplätze in Zukunft zum Luxusgut werden.

Diese Technik, «reclaiming» genannt, ist unterdessen in zahlreichen Friedhöfen in Gebrauch, die unter akutem Platzmangel leiden. Mitverursacher der Misere ist nämlich der Grundsatz der Anglikanischen Kirche, dass eine Bestattung für die Ewigkeit gedacht sei. Belegung von Grabstellen nur für bestimmte Zeit und Umbettung der Gebeine in Beinhäuser sind für sie undenkbar.

Dass der Ewigkeitsgedanke irgendwann zu Schwierigkeiten führen musste war klar. Allerdings kamen diese vergleichsweise schnell. Denn erst mit dem «Burial Act 1853» entstand überhaupt ein landesweites System von Friedhöfen. Nach zwei Choleraepidemien war damals unübersehbar geworden, dass ein geordnetes System von Grabplätzen benötigt wurde.

Aus Platznot hat man unterdessen zumindest das etagenweise Belegen von Grabplätzen erleichtert. Es ist gegen Ausnahmegenehmigung möglich, wenn das betroffene Grab mindestens 75 Jahre alt ist und keine Angehörigen Einspruch erheben.

Die ursprünglich dort bestatteten Gebeine werden dann tiefer gelegt. Der zusätzliche Sarg kommt eine Etage höher ins selbe Grab. Ohne «Reclaiming» wären in Bichester schon längst keine Bestattungen mehr möglich gewesen. Diese Methode ist mittlerweile aus purer Platznot in zahlreichen Friedhöfen gebräuchlich.

Nach langer Suche hat das Städtchen Bichester übrigens doch noch eine Lösung gefunden. Unter den zahlreichen Bauvorhaben war auch eines für eine Ökosiedlung. Zu deren Konzept gehörte, vierzig Prozent der Fläche für Grünanlagen zu nutzen. Dort dürfen nun auch neue Gräber angelegt werden. Bichester hofft damit nun auf längere Sicht hinzukommen.

Über Alt mach Neu

In Southwark, einem Stadtteil im Süden Londons stand man vor ähnlichen Problemen. Erschwingliches Land gab es dort schon lange nicht mehr. Auch hier macht die Not erfinderisch. Auf einem der beiden Friedhöfe lagen Gemeinschaftsgräber, die über hundert Jahre alt waren. Die Verantwortlichen liessen den Boden darüber um acht Fuss (zirka 2,40 Meter) anheben. So bleiben die alten Gräber unangetastet und die modernen Bestattungen können sozusagen eine Etage höher stattfinden.

Das Problem der Grabknappheit ist seit langem bekannt. In der Regierung aber kommt man über Diskussionen von Vorschlägen nicht hinaus. Gestorben wird trotzdem und die Lage spitzt sich zu, ohne dass sich eine Lösung abzeichnen würde.

Der Eingang zur «Egyptian Avenue» in Westteil des «Highgate»-Friedhofs in London.
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JohnArmagh, wikimedia, gemeinfrei

Der Eingang zur «Egyptian Avenue» in Westteil des «Highgate»-Friedhofs in London.

So kam nun Professor John Ashton, ein so bekannter wie streitbarer Experte für Öffentliche Gesundheit, auf einen ungewöhnlichen Vorschlag, den er in der britischen Fachzeitschrift «Journal of the Royal Society of Medicine» beschreibt. Er hatte von der Idee der Regierung gehört, in urbanen Regionen 130'000 Bäume etwa entlang von Ausfallstrassen zu pflanzen. Das soll eine Massnahme gegen Klimaerwärmung und Luftverschmutzung sein.

Dies scheint Ashton zwar, wie er ganz richtig anmerkt, ein wenig ambitionierter Vorschlag für ein derart drängendes Zukunftsproblem wie den Klimawandel. Aber immerhin sollen die Pflanzungen genau dort stattfinden, wo Grund ohnehin teuer und Grünraum knapp ist. Ashton zählte zwei und zwei zusammen und schlug vor die Pflanzung so anzugehen, dass dadurch gleichzeitig neue Grabplätze entstehen.

Dazu setzt er auseinander, dass das nicht nur der Bäume wegen durchaus der Umwelt dienen würde. Die Chemikalien, die zur Einbalsamierung benutzt werden, sind so wenig umweltfreundlich wie die Materialien, die zur Ausstattung der Särge genutzt werden.

Warum nicht, so meint er, den Trend zu ökologischeren Begräbnissen fördern? Das käme am Ende auch der Natur und den Bäumen zu Gute. Er schlägt daher vor, Tote in leicht kompostierbaren Materialien zu bestatten und dies entlang der neu entstehenden Grünstreifen. Eine Win-Win-Situation für alle, so fand er vermutlich.

Fahrstil überdenken

Ashtons Vorschlag wurde in der englische Presse tatsächlich breit aufgegriffen – und wie zu erwarten von den Lesern heftig kommentiert. Ein Leser des «Independent» fand, man könne das ruhig zur Prävention nutzen: «Eine brillante Idee. Ich finde allerdings man sollte auch Grabsteine entlang der Strassen erlauben. Deren Anblick würde so manchen Autofahrer hoffentlich dazu bringen, seinen Fahrstil zu überdenken.»

Die Leserkommentare im «The Telegraph» reichten vom trockenen «Strassenverbreiterungen könnten dann schwierig werden» bis zur Anmerkung, Todesfälle von Bestattern während der Ausübung ihres Berufes würden vermutlich steigen. Es sei denn man hebe die Gräber künftig lieber nachts aus, wenn der Verkehr weniger dicht sei. Auch wenn Ashton mit seiner Idee vermutlich keinen Erfolg haben wird – eine Lösung muss her. Und zwar bald.

Autoren

Freie Mitarbeiterin für das Baublatt.