13:03 BAUPRAXIS

Little Island in New York: Park auf Stelzen

Geschrieben von: Robert Mehl (rm)
Teaserbild-Quelle: Timothy Schenck

In New York wurde im Hudson River ein 2,4 Hektar grosser Park angelegt. Er steht auf 132 tulpenartigen Betonfertigteiltöpfen, die auf 267 Spannbetonpfählen ruhen. Die künstliche Insel soll künftig vornehmlich für Open-Air-Events genutzt werden.

Little Island von Süden New York City

Quelle: Timothy Schenck

Blick von Süden auf das Little Island am ehemaligen Pier 54, rechts schliesst sich der Ortsteil Chelsea an.

Im April 1912 sollte am Pier 54 in New York eigentlich die Titanic anlegen, eine Ankunft, die bekanntlich an einem Eisberg scheiterte. Tatsächlich waren die zahllosen Grossschiffanlegestellen auf der Westseite Manhattans einst stark belebte und hoch frequentierte Orte, bevor die Luftfahrt das zweckgebundene Reisen mit dem Schiff von Europa in die USA obsolet machte.

Die durchweg aus Holz erstellten, in den Hudson River ragenden Pierbauten wurden nutzlos, verfielen und wurden schliesslich abgerissen. Zurück blieben ihre Gründungen – zahllose Holzpfähle, die in den Flussgrund getrieben waren. Dies geschah zunächst mehr aus Bequemlichkeit, doch mit dem einsetzenden Umweltbewusstsein erkannte man, dass die eng stehenden Pfahlfelder den Fischbeständen als Brutstätte dienten, weshalb diese indirekt unter Naturschutz gestellt wurden.

Mehr als ein dekoratives Objekt

Eigentlich waren der Hudson River Park Trust und dessen private Sponsoren, das philanthropische Ehepaar Diane von Fürstenberg und Berry Diller, nur an die Heatherwick Studios herangetreten, um eine neue Anlegestelle mit einem aufgeständerten Pavillon am Standort des früheren Piers 54 zu entwickeln. Doch die Londoner Architekten sahen dies als Chance, mehr als ein dekoratives Objekt für den entlang des Flussufers verlaufenden Hudson River Park zu entwickeln. 

Vielmehr stellten sie Überlegungen an, wie der Pier an dieser Stelle noch anders gestaltet werden könnte. Dabei stand weniger eine mögliche Architektur als das Besuchererlebnis im Vordergrund. Erste vage Gedanken waren – so erinnert sich Thomas Heatherwick – ein «über dem Wasser sein», ein «die Stadt hinter sich lassen» und ein «in das Grüne eintauchen».

Piergebäude sind für gewöhnlich horizontal organisierte Flachbauten, was ihrer Funktion als Anlegestellen für langgestreckte Schiffe entspricht. Dies hinterfragten die Londoner Planer und setzten diesem die dynamische Topographie eines begehbaren Parks entgegen. Sie erkannten die stadträumliche Qualität der aus dem Wasser ragenden Holzspitzen, die diesen Uferabschnitt prägen. Daraus entwickelten sie die Idee eines aufgeständerten Landschaftsgartens. Bewusst sollte sich das topographische Relief – gleich einem fliegenden Teppich – auch nach unten offenbaren, um so mehr Tageslicht an die geschützten Fischgründe zu führen.

Little Island New York City Nordansicht

Quelle: Timothy Schenck

Nordansicht des Little Island, im Hintergrund sieht man die Skyline von Manhattan.

Basierend auf diesen Gedanken konzipierten Heatherwick Studios einen 2,4 Hektar grossen, annähernd quadratischen Landschaftsgarten. Entgegen den Erwartungen verlaufen dessen Aussenkanten aber nicht parallel zum Ufer, sondern etwa um 30 Grad davon abgewinkelt. Sein höchster Punkt, gut 18 Meter über der durchschnittlichen Wasserlinie des Flusses gelegen, findet sich in dem am weitesten vom Ufer entfernten Punkt, der westlichen Inselecke. Hier wurde eine Aussichtsplattform angeordnet, die zur Freiheitsstatue weist.

Grundsätzlich sollte das Naturerlebnis im Vordergrund stehen, gleichzeitig sollte das artifizielle Eiland aber auch als Veranstaltungsort nutzbar sein. Dafür schufen die Architekten ein Amphitheater mit 700 Plätzen und eine kleinere Bühne, The Glade (die Lichtung) genannt, mit 200 Plätzen. Schliesslich findet sich in der Inselmitte eine grosse, nach Westen hin ansteigende und teilweise mit Gras bewachsene Freifläche, auf der grössere Konzerte mit bis zu 3500 Personen möglich sind.

Erschlossen wird die Insel über zwei Stege, die dem orthogonalen Inselgrundriss folgend einmal unmittelbar ans Ufer und einmal über einen 90-Grad-Winkelzug dorthin führen. Unterhalb der Erhebungen, insbesondere unter den Rängen des sich zum Hudson River hin öffnenden Amphitheaters, befinden sich – diskret versteckt – administrative und technische Räume sowie die erforderlichen Toilettenanlagen.

Little Island New York City höchste Erhebung

Quelle: Timothy Schenck

Die höchste Erhebung von Little Island ist die westliche Ecke, die gleichzeitig am weitesten in den Hudson River ragt.

Little Island New York City Amphitheater

Quelle: Timothy Schenck

Das fertiggestellte Amphitheater. Neben dem Showact können die Besucher in dessen Rücken den Sonnenuntergang geniessen.

Little Island New York City Uferlinie

Quelle: Timothy Schenck

Die künstliche Insel besitzt eine hohe Uferlinie und fällt zur Mitte hin ab. Diese wurde für grössere Open-Air-Events mit stehenden Besuchern konzipiert.

Zusammen mit dem in Manhattan ansässigen Landschaftsplanungsbüro MNLA entwickelten die britischen Architekten das zugehörige Garten- und Landschaftskonzept. Dabei wurden 35 Baumarten, 65 verschiedene Sträucher und 290 Sorten an Gräsern, Reben und Stauden ausgewählt. Zusammen mit der Hügeltopographie schaffen sie ein geschütztes Mikroklima. Darüber hinaus wurde grosse Sorgfalt auf die Gewinnung des Regenwassers und dessen Rückhalt gelegt, weshalb die Planer ihre Insel gerne als natürlichen Schwamm bezeichnen.

Aus Betonfertigteilen

Zusammen mit dem Statikbüro Arup entschieden sich die Architekten für eine tragende Konstruktion aus Betonfertigteilen. Für den Baustoff sprachen insbesondere seine hohe Salzbeständigkeit, die geringe Korrosionsneigung und die damit zu erwartende hohe Langlebigkeit. Zum Bau der künstlichen Insel wurden von dem Betonfertigteilhersteller Coastal Precast Systems in Chesapeake (Virginia) 267 bis zu 60 Meter lange, vorgespannte Betonfertigteilpfeiler hergestellt. Sie wurden in den stark abfallenden Grund des Hudson River getrieben und können jeweils eine Last von 250 bis 300 Tonnen tragen. 

Darauf montiert wurden insgesamt 132 tulpenartige Betonfertigteiltöpfe, die wiederum vom Fertigteilproduzenten Fort Miller in Schuylerville in New York stammen. Dazu wurden im Vorfeld die am Ende bis zu 90 Tonnen schweren Tulpentöpfe in ihre Blätter zerlegt. Für deren Betonage waren über 3D-Modelle 39 wiederverwertbare Schalungssätze erstellt worden, die untereinander kombinierbar waren.

Die Form der Tulpentöpfe ist inspiriert von einer mosaikartigen Eisstruktur, die sich im Winter infolge des Tidenhubs um die alten Holzpfähle herum bildet. Ihre Geometrie basiert auf dem sogenannten Kairo-Fünfeck, einer kreuzweisen Anordnung von vier regelmässigen Fünfecken, die als Grossform ein gestauchtes Sechseck ergeben. Jeweils ein Blatt besteht aus einem Fünfeck, vier davon bilden einen Tulpentopf.

Insgesamt 655 dieser Tulpenblätter wurden einzeln im Fertigteilwerk von Fort Miller betoniert und dann per LKW zum Hafen von Albany gebracht. In einer dort eigens angemieteten Lagerhalle wurden diese dann mit Edelstahlplatten zu den besagten Betontulpen zusammengeschweisst und die Verbindungsfugen mit Beton vergossen. Immer vier dieser Tulpentöpfe wurden schliesslich mit einem Frachter den Hudson River hinab in das fast 250 Kilometer entfernte New York verschifft. Bewusst entschied man sich für diesen Weg, um keine Schwertransporte auf den ohnehin überlasteten Zufahrtsstrassen in die Metropole durchführen zu müssen. 

Die hohlen Tulpentöpfe messen in ihrer längeren Achse 6 Meter und können eine Last von 90 Tonnen aufnehmen. So war es möglich, sie mit einer grossen Menge Erdreich zu befüllen, damit auch grössere Bäume darin ausreichend Wurzeln schlagen können. Das Montieren der Tulpentöpfe auf die Betonpfähle erfolgte mit zwei Schwimmkränen und erforderte ein präzises Arbeiten, da die Betonbauteile mit einem Kelchrandabstand von 30 Zentimetern zu platzieren waren und die zulässige Toleranz 7,5 Zentimeter betrug. Infolge ihrer fünfeckigen Geometrie erscheinen die präzise angeordneten Tulpentöpfe jedoch wie locker aneinandergereiht – ein Eindruck der bewusst angestrebt wurde.

Little Island New York City Schwimmkräne

Quelle: Little Island

Mit Schwimmkränen wurden zunächst die 267 Spannbetonpfähle in Position gebracht.

Little Island New York City Betonfertigteiltöpfe

Quelle: Little Island

Einer der 132 tulpenartigen Betonfertigteiltöpfe wird eingehoben.

Little Island New York City Tulpenpfeiler

Quelle: Heatherwick Studios

Regeldetail eines Betontulpenpfeilers.

Little Island New York Fluss

Quelle: Timothy Schenck

Zum Fluss hin formt die Insel ein flaches V. Hier befindet sich das Amphitheater, dessen Bühne vor dem Flusspanorama angeordnet ist.

Bürgernahe Nutzung

Die planerischen Anfänge zum Little Island liegen fast zehn Jahre zurück, die Bauarbeiten dazu begannen im Jahr 2018. Damals wurden die ersten 164 Pfähle in den Untergrund gesetzt, die restlichen 103 Pfähle konnten erst zwischen Mai und Juli 2019 eingerammt werden, da Umweltauflagen solche Tätigkeiten aufgrund der saisonalen Fischwanderung im Winter und im Frühjahr untersagen. Nachdem der letzte Topf Anfang 2020 gesetzt war, begannen die landschaftlichen Ausbauarbeiten, bei denen insbesondere ein umfangreiches Bewässerungssystem installiert wurde, das sicherstellte, dass die ganz frisch gepflanzten Bäume und Pflanzen nicht eingingen, bevor der Park überhaupt fertiggestellt war.

Little Island New York City Inselschnitt

Quelle: Heatherwick Studios

Inselschnitt längs zur Uferlinie des Hudson River.

Little Island New York City Inselschnitt Uferlinie Hudson River

Quelle: Heatherwick Studios

Inselschnitt quer zur Uferlinie des Hudson River.

Im Mai 2021 wurde schliesslich der maritime Landschaftspark eröffnet. Der Zutritt ist an veranstaltungsfreien Tagen kostenlos, erfordert jedoch infolge der Pandemie eine Terminbuchung. Kleinkünstler, die an solchen Tagen ihre Künste dort präsentieren wollen, müssen sich allerdings bei der Inseladministration dafür bewerben. Bei Grossveranstaltungen verwandeln sich die beiden Zugangsstege, die sogenannten Gangplanks, im Handumdrehen zu Einlässen, an denen Eingangskontrollen einfach durchzuführen sind.

Mit dem Little Island ist New York zweifellos um eine weitere Attraktion reicher, die zu jeder Jahreszeit sehenswert ist: Denn auch zum Inszenieren der Jahreszeiten haben sich die Landschaftsplaner von MNLA umfassende Gedanken gemacht.

Little Island New York City Grasflächen

Quelle: Timothy Schenck

Die Inselmitte ist geprägt von weitläufigen Grasflächen. Bei Events stehen hierauf die Besucher, ansonsten laden sie zum Entspannen ein.

Die Beteiligten

  • Auftraggeber: Hudson River Park Trust & Pier 55 Project Fund
  • Architekten: Heatherwick Studios, London
  • Landschaftsplanung: MNLA, New York City
  • Statik: Arup, London
  • Generalunternehmer: Hunter Roberts Construction Group, NYC
  • Betonpfeiler: Coastel Precast, Chesapeake/Virginia
  • Betonfertigteile: Fort Miller Co. Inc, Greenwich/New York

Geschrieben von

Freier Mitarbeiter für das Baublatt.

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