Dolologie-Wissenschaft: Verschmähte Kunstwerke aus Gusseisen

Teaserbild-Quelle: Ulrike Nitzschke

Es muss schon der Papst zu Besuch kommen oder ein G7-Gipfel stattfinden, damit wir sie bemerken – die Gullydeckel. Für die Mächtigen der Erde werden sie versiegelt. Im Alltag werden mit ausgespuckten Kaugummis verunstaltet oder als Aschenbecher missbraucht. Dabei sind sie unentbehrlich. Und es gibt sogar eine Wissenschaft, die sich mit ihrem Wesen befasst: die Dolologie. 

Es begann in den Sommerferien 1976. Lukas Müller aus Würenlingen im Kanton Aargau war auf Städtereise in Avignon und an diesem Tag eine dreiviertel Stunde zu früh. Genug Zeit, um sich im Hof des Papstpalastes in aller Ruhe umzuschauen.

Am Trottoir wurde der Mathematiklehrer auf einen besonders schön gestalteten Gullydeckel aufmerksam. Den musste er fotografieren. «Ville d’Avignon» stand darauf. Es wurde das Einstiegsbild für seine Diashow über diese Reise. Und das erste einer immer grösser werdenden Fotosammlung mit Gully- oder Kanal- oder Schachtdeckeln …

Einstieg in die Unterwelt

Müller spricht von Dolendeckeln, verweist auf das althochdeutsche «dola», das Rinne, Röhre, Graben, Tülle bedeutet. Die meisten Dolendeckel sind Einlaufrinnen oder Gullys für Regenwasser. Andere verdecken unterirdische Zu- und Ableitungen für Brauch-, Trink- und Abwasser, für Telekommunikation oder Gas. «Zunächst nahm ich an, ausser mir gebe es wohl kaum jemanden mit diesem seltsamen Hobby», erinnert er sich schmunzelnd. Das änderte sich bald. «Und im Internet entdeckte ich ab den 1990ern noch weit ausgeprägtere Typen!»

In der Schweiz gibt es seit 2008 einen Verein für Kenner und Liebhaber der Kunst der Kanaldeckel und-gitter oder Gullys. Sie engagieren sich für den Schutz und den Erhalt der gusseisernen Kunstwerke zu unseren Füssen und haben eigens dafür sogar eine «Wissenschaft» ersonnen, die Dolologie. Müller besteht auf die Anführungszeichen um den Begriff Wissenschaft und ergänzt, immer noch schmunzelnd, aber voller Überzeugung, dass diese Forschung bislang vernachlässigt worden sei. Er ist einer der drei Gründerväter des Vereins.

Industriearchäologische Beweismittel

Dolendeckel verdienten wahrlich mehr Beachtung, aus technischer wie historischer Sicht. Zum Beispiel in Zürich: «Als Ende des Neunzehnten, Anfang des 20. Jahrhunderts die Telefongesellschaft ihr Netz aufbaute, wurden Leitungen gezogen und in die Schachtdeckel das jeweilige Jahr eingraviert. 1892 gilt als ältester solcher Nachweise, 1918 als jüngster», weiss Müller. Diese Deckel entsprechen längst nicht mehr heutigen EU-Normen, würden ausgewechselt. «Jährlich verschwinden mehr und mehr», bedauert er. «Wir müssen diesen industriearchäologischen Beweismittel Sorge tragen!»

Die Vereinsmitglieder nahmen Kontakt zu den Zürcher Tiefbauämtern auf, luden deren Chefs ein. Diese zeigten sich anfangs begeistert. Die Dolologen baten um eine Karte mit Hinweisen auf Orte, an denen Deckel demnächst ausgetauscht werden sollten, um Information vor deren Entsorgung und um einen Raum in der Stadt, in dem sie die geretteten historischen Dolendeckel stapeln könnten. «Zwei mal zwei Meter hätten uns gereicht. Doch wir bissen auf Granit.» 

Schweizer Dolologen-Verein

Gründungspräsident Müller hat mittlerweile ein Archiv mit an die 20000 Fotos von Dolendeckeln auf der ganzen Welt aufgebaut. Den aktuellen Vereinspräsidenten Stefan Studer begeistern technische Anforderungen sowie Innovationen wie den «selbstblockierenden und klapperfreien» Dolendeckel. Mitbegründer und Künstler Christian Ratti ist der Spezialist für Denkmalschutz im Verein. Zudem liegen ihm die Amphibien am Herzen, die alljährlich zu Tausenden in den Schächten verenden würden. Deshalb setzt er sich für den Bau von Lurchleitern ein, auf denen abgestürzte Tiere wieder ins Freie gelangen können.

Aktuell hat der Verein 29 aktive Mitglieder aus allen gesellschaftlichen Schichten – «Akademiker wie Velomechaniker, erstaunlicherweise ein Drittel Frauen». Müller zählt sieben «Grundtypen» auf: Modellkundler, sie hätten Kataloge aller Schweizer Giessereien im Kopf, Bildersammler – wie er selbst, Themensammler – «zum Beispiel: Dolendeckel auf dem Jakobsweg …», Musterfreaks wie eine Mathematikerin, die sich auf Muster und Strukturen spezialisiert hat und dieses Wissen auch in ihrem Unterricht einsetzt, Industriearchäologen wie Christian Ratti, der regelmässig zu Dolendeckel-Spaziergängen in Chur, Zürich, Wetzikon oder Solothurn einlädt, und Historiker, die Gully-Deckel über historische Ereignisse interpretieren.

«In Strassbourg finden sich tatsächlich noch einige mit deutschen Inschriften samt scharfem SZ im Namen der Stadt», weiss Müller. Auch in Szczecin im Nordwesten von Polen habe er noch einige Deckel mit dem Hinweis auf die deutsche Vergangenheit der Stadt entdeckt: «Stettiner Wasserwerke». In diesem Fall sei Nichtbeachtung auch einmal von Vorteil, sonst wären diese industriearchäologischen Beweisstücke wohl längst verschwunden.

Cioccoletti-Struktur zum Murmelspiel

Natürlich gibt es auch Schweizer Dolendeckel-Geschichten: In der Umgebung von Bern, zum Beispiel, hätten Kinder früher deren vertiefte schokoladentäfelchenartige Oberfläche für ihr Murmelspiel genutzt. Und in die Deckel der indischen Planstadt Chandigarh sind deren Pläne des schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier eingraviert. «Ein Bekannter bekam dort einen solchen im Mini-Format als Souvenir», schwärmt Müller, «und wusste sofort: Den gebe ich dem Lukas.»

Längst hat Müller auch den Nachwuchs mit seiner Leidenschaft angesteckt. Mit seiner Enkelin fuhr er zu einem besonderen Dolendeckel im Jura, von dem sie gemeinsam Frottagen fertigten. Glücksmomente im Leben eines leidenschaftlichen Dolologen. Von einem Dolenmuseum träumt er weiterhin. Denn bei aller Freude an seinen Bildern im Netz – am schönsten sind die gusseisernen Kunstwerke im Original. Und am allerschönsten dort, wo sie hingehören – direkt vor unseren Füssen. 

Internettipp: www.dolologie.ch

Dolen-, Gully-, Kanal- oder Schachtdeckel?

Sie sind der sichtbare Teil unserer Ver- und Entsorgungssysteme und ermöglichen den Zugang für unterirdische Kontrollen, Wartungen und Reparaturen. Es gab sie schon im alten Rom. In Vindonissa bei Brugg im Kanton Aargau ziert ein dekorierter Sandsteindeckel aus dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung die noch immer funktionierende römische Wasserleitung.

Der klassische Kanaldeckel besteht aus Gusseisen, wiegt rund 40 Kilogramm und lässt sich mit einem speziellen Haken anheben. Dazu sind jedoch nur Experten befugt. Um Attentaten vorzubeugen, werden die Deckel vor Grosskundgebungen und Staatsbesuchen oft versiegelt oder verschweisst.

Neben Abdeckungen aus Grauguss werden inzwischen auch solche aus Edelstahl, Aluminium oder Kunststoff eingesetzt. Es gilt die europäische Norm EN oder DIN 124 mit den Klassen A bis F. Deckel der Klasse F 900 können mit einem mit 90 Tonnen belasteten Rad befahren werden (z.B. auf Flugpisten). Oft schützt ein Sieb unter den Öffnungen den Kanal vor Verstopfung durch grössere Gegenstände. (un)

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Freie Mitarbeiterin für das Baublatt.