Wohnateliers im Haus ohne Heizung

Wohnateliers im Haus ohne Heizung

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Teaserbild-Quelle: Stefan Breitenmoser
Ein Haus ohne Heizung

Architekt Heinrich Degelo hat mit dem kürzlich eröffneten Wohnatelierhaus in der Erlenmatt Ost in Basel gleich zwei eigentlich undenkbare Dinge auf einmal geschafft. Denn das Gebäude kommt ohne Heizung aus und der Mietpreis beträgt nur zehn Franken pro Quadratmeter und Monat. 

«Die schwierigen Projekte reizen mich immer», meint der Architekt Heinrich Degelo. Dass dies keine leere Floskel ist, hat er schon mit diversen Projekten wie dem Basler Messeturm, dem Kunstmuseum Liechtenstein, der Universitätsbibliothek im badischen Freiburg, der Renovation der St. Jakobshalle oder der Modernisierung des Davoser Kongresszentrums bewiesen. Doch beim am Anfang März eröffneten Wohn­atelierhaus in der Erlenmatt Ost unweit des Badischen Bahnhofs in Basel war die Herausforderung nicht unbedingt eine architektonische. Denn von aussen wirkt das Gebäude – abgesehen von der verspielten Holzbalustrade – eher unspektakulär. Aber das Gebäude hat es im wahrsten Sinn des Wortes in sich. 

Einerseits handelt es sich nämlich um das erste Gebäude der Schweiz, das komplett ohne Heizung auskommt und während des ganzen Jahrs über eine angenehme Temperatur verfügt. Andererseits hat sich Degelo vorgenommen, etwas gegen die ständig steigenden Mietpreise zu tun. «Heute können sich nicht mehr alle Wohnraum leisten. Dieses Problem können wir allerdings nicht nur den Kommunen und der Öffentlichkeit überlassen, sondern auch wir als Architekten müssen eine Antwort darauf haben», so Degelo. Deshalb hat er ein neuartiges Wohnbaukonzept entwickelt und dafür die Genossenschaft Homebase gegründet. Das Konzept sieht vor, Wohn- und Arbeitsflächen für rund die Hälfte des durchschnittlichen Mietpreises anzubieten. Das Wohnatelierhaus in der Erlenmatt ist dafür der erste Prototyp.

Vorbild «Easy Jet»

Doch wie ist es überhaupt möglich, Flächen für rund die Hälfte des durchschnittlichen Mietpreises anzubieten? «Grundsätzlich wollten wir alles anders angehen. Deshalb haben wir uns nicht gefragt, was kann man weglassen oder günstiger machen, sondern geschaut, was es überhaupt braucht», erklärt Degelo. Insofern habe sich Homebase, das am Anfang noch den Projektnamen «Easy Living» trug, ein Beispiel an der Fluggesellschaft «Easy Jet» genommen, die sich ebenfalls gefragt hat, was man überhaupt zum Fliegen braucht. Dabei sei man zum Schluss gekommen, dass der Mensch vor allem einen gesicherten Ort benötigt, der klimatisiert ist. «Ansonsten braucht es relativ wenig. Denn es braucht keine Spannteppiche und keine Geschirrspüler.»

Die Wohnateliers in der Erlenmatt kommen deshalb roh und einfach daher. Die Innenwände sind unverputzt, Böden und Decken sind aus Beton und raumteilende Wände sucht man vergebens. Selbst ein Bad oder eine Küche gibt es nicht. Dafür verfügt jedes Wohnatelier über einen Sanitärblock, der sich aus Küchen- und Badelementen zusammensetzt, und einen zentralen Anschluss für Elektro und Wasser. Den Sanitärblock können die Bewohner flexibel platzieren. Ein Bewohner hat ihn sogar auf Rollen gesetzt, damit er auch mal in die Ecke geschoben werden kann. Sowieso wird der Innenausbau der Wohnung komplett den Bewohnern überlassen. «Jeder kann seine Wohnung so einrichten, wie es ihm passt», meint Degelo. Denn ob jemand noch Wände oder Bodenbeläge einbauen will, ist komplett ihm überlassen.

«Heute sind die meisten Wohnungsgrundrisse standardisiert und immer noch für eine Familie mit zwei Kindern ausgelegt. Aber die gibt es ja schon lange nicht mehr – oder nur noch sehr selten», so der Architekt. Deshalb würden die meisten Wohnungen nicht mit den effektiven Bedürfnissen übereinstimmen. Beim Wohnatelierhaus ist die Grundlage ein modulares Grundriss-System. «Hier kann man die Wohnung verändern, das ist der grosse Vorteil. Wenn jemand beispielsweise als Student einzieht und später vielleicht noch Partner und Kinder dazukommen, kann man Zwischenwände und ein zweites Badezimmerelement ein- und dann allenfalls wieder abbauen. Man kann hier also von der Studentenbude über die Familienwohnung bis zum Wohnen im Alter alles verwirklichen – auch Arbeiten und Wohnen am gleichen Ort. Das gibt eine enorme Freiheit, die man normalerweise nicht hat.»

Dicke Mauern und wenig Fenster

Der Anspruch an das Wohnatelierhaus sei gewesen, etwas zu bauen, das wenig kostet und maximale Freiheit gewährleistet. «Trotzdem wollten wir etwas Ökologisches und keine Energieschleuder bauen», sagt Degelo. Deshalb habe man beschlossen, das vierstöckige Gebäude ohne Heizung zu verwirklichen. Das erstaunt, doch Degelo winkt ab. «Das Prinzip ist nicht wirklich neu. Die Stiftsbibliothek in St. Gallen kommt ja auch ohne Heizung aus. Trotzdem hat man so gute Bedingungen für die uralten Bücher, dass sie bis heute von keinem Archiv übertroffen werden.»

Das Prinzip sei also jenem der Stiftsbibliothek nicht unähnlich und dieses lautet vor allem: dicke Mauern und ein reduzierter Fensteranteil. So sind beim Wohnatelierhaus die Aussenmauern rund 80 Zentimeter breit. Sie bestehen aus je einer 36 Zentimeter und einer 42 Zentimeter dicken Schicht aus Poroton-Backsteinen. Diese werden versetzt im Verbund angeordnet, damit die Aussenwände aus dem löchrigen Poroton auf die ganzen vier Stockwerke tragend sind. «Man kann den Poroton-Backstein mit einer Rayon-Schokolade vergleichen. Durch die vielen Löcher ist er noch einmal besser isolierend. Allerdings hat er einen tiefen Tonanteil und deshalb trägt er nicht so gut wie andere Backsteine», so Degelo. Verputzt sind die Aussenwände innen mit einer Kalkschlämme und aussen mit einem Kalk-Zement-Verputz, also rein mineralisch. 

Der Fensteranteil wurde ebenfalls reduziert, wirkt aber nicht so, da die dreifach verglasten Fenster hoch liegend angeordnet sind. «Es sind ja Ateliers und man hat gerne Licht. So ist die Lichtverteilung optimal, da das Licht tief in den Raum fällt. Ausserdem gibt es dank der hoch liegenden Fenster eine viel bessere Gleichmässigkeit des Lichtes und man hat länger das Gefühl, es sei hell», erläutert Degelo. Die tatsächliche Wärme entsteht aber einzig durch die Abwärme der Elektrogeräte, Lichtinstallationen und Menschen und durch die Einstrahlung des Tageslichts. Im Sommer sorgen die tiefen Laibungen und die südwestseitigen Balkone für ein angenehmes Klima. «Wir haben alles simuliert. Sogar wenn es draussen über längere Zeit sehr kalt ist, ist es im Innern immer noch warm», verspricht Degelo.

Lüftung entscheidend

Das A und O ist aber die Lüftung, welche fast das einzige Stück Hightech ist, das man im Wohnatelierhaus findet. «In der Stiftsbibliothek wissen die Mönche, dass man kurz lüften muss, wenn eine grössere Gruppe Menschen drin war. Das ist die ganze Regulierung, die es dort hat», erklärt Degelo. Eine solche mönchische Disziplin könne man aber von den Künstlern im Haus nicht verlangen. Deshalb verfügen alle Wohnateliers über ein kleines CO2- und Temperaturmessgerät. Dieses sorgt dafür, dass sich bei zu hohen CO2-Werten und Temperaturen zum Hof hin die Fenster und Balkontüren automatisch öffnen und schliessen. Auf die hintere Seite, wo sich die Autobahnauffahrt befindet, sind es hingegen schallgedämmte Lüftungsklappen. Die Türen zum Balkon hin können aber jederzeit auch manuell geöffnet werden. 

«Jedes Gebäude ist ein Prototyp, da es anders steht. Deshalb müssen wir schauen, ob wir die Belüftungszeiten kürzer oder länger oder sie gar von anderen Parametern abhängig machen», meint Degelo, der sich vorgängig auch das Haus «2226» im Vorarlberg angeschaut hat, das ebenfalls ohne Heizung auskommt. Doch handelt es sich dabei um ein Bürogebäude, das viel mehr Abwärme produziert. Aus diesem Grund wird die Hochschule Luzern die Entwicklung in Basel begleiten und allenfalls die Regulierung justieren. «Zusätzlich haben wir auch die Bewohner sensibilisiert und sie gebeten, Rückmeldung zu geben, falls es zu heiss oder zu kalt ist.»

Für Degelo steht aber ausser Frage, dass es immer genug warm sein wird. «Wir haben mal beim Messeturm in Basel geschaut. Wenn er im Dauerbetrieb ist, muss man bei minus fünf Grad weder heizen noch kühlen. Beim Wohnatelierhaus haben wir natürlich viel weniger Abwärme. Zusätzlich sind wir von einem sparsamen Elektroverbrauch ausgegangen. Deshalb haben wir einen sehr guten Dämmwert beim Mauerwerk und den Fenstern.» 

Ein Traum geht in Erfüllung

Mit dem Wohnatelierhaus hat Degelo, der ursprünglich aus Obwalden stammt, aber seit Jahren in Basel beheimatet ist, also in zweierlei Hinsicht den Tatbeweis geliefert und das «doppelt Unmögliche» geschafft. Ob noch das Label Minergie-P-Eco angestrebt werden soll, ist für ihn deshalb nebensächlich, obwohl es grundsätzlich erreichbar wäre. Denn das Wohnatelierhaus verfügt wie alle Gebäude in der Erlenmatt Ost noch über eine Solaranlage auf dem Dach und eine Luftwasserwärmepumpe fürs Warmwasser. Denn Warmwasser braucht man auch, wenn man keine Heizung hat. 

Mit Baukosten von etwas über vier Millionen Franken war das Unterfangen verhältnismässig günstig. Auf einen Keller wurde aus Kostengründen verzichtet. Bauherr war die Genossenschaft Coopérative d’Ateliers, welcher Degelo als Präsident vorsteht. Das Land dafür hat sie von der Stiftung Habitat, welche in der Erlenmatt Ost die Federführung hat, im Baurecht erhalten. Die 36 Künstler, welche künftig die fünf Einerateliers im Erdgeschoss und die zwölf Zweierateliers in den drei darüber liegenden Etagen bewohnen und bespielen, kennt Degelo alle persönlich. Er war es gar, welcher die Schaffung einer Genossenschaft vorgeschlagen hat. Denn die Künstler wollten ursprünglich ihren Wunsch, Wohnen und Arbeiten an einem Ort zu verbinden, im Eigentumswohnungs-Standard verwirklichen. «In einer Genossenschaft können die Künstler eine Gemeinschaft bleiben und auch bei einem Auszug eines Bewohners mitbestimmen, wer danach einzieht.» 

Für die 36 Künstler dürfte damit ein Traum in Erfüllung gehen. Denn viele verstehen sich zwar als Künstler, gehen aber trotzdem noch einem «Brotjob» nach. Nun müssen sie aber zumindest nicht mehr zwischen Atelier, Wohnung und Job pendeln und können so mehr Zeit ihrer Kunst widmen. «Für viele ist es ein lange gehegter Wunsch, morgens in ihrer Kunst zu erwachen, und abends bei einem Glas Wein vielleicht nochmals ins Atelier zu sitzen», so Degelo. Die Ateliers, die vom Wohnbereich vorerst durch keine Wand getrennt sind, sind auf der hinteren Seite Richtung Autobahn angedacht. Denn beim Arbeiten dürfte der Lärm, der aber kaum in die hohen Räume dringt, weniger stören, als beim Wohnen. 

Der Künstler Andres Bally hat das Eichenholz für die Balustrade selbst im Wald zusammengesucht.
Quelle: 
Barbara Bühler

Der Künstler Andres Bally hat das Eichenholz für die Balustrade selbst im Wald zusammengesucht.

Ein gewisser Kompromiss

Heinrich Degelo selbst freut sich vor allem, dass das Wohnatelierhaus auf so eine grosse Nachfrage gestossen ist. Die Ateliers sind nämlich alle vermietet und es gibt mittlerweile gar eine Warteliste. Ausserdem ist er gespannt, wie die Bewohner sich nun einrichten und die Freiheiten nutzen, welche ihnen die einfach ausgestatteten Wohnateliers gewähren. Auch wie die Künstler das Zusammenleben organisieren, bleibe abzuwarten. Gemeinschaftsräume wird es aber spätestens ab nächstem Jahr im Silo nebenan geben, wo auch ein Gastrobetrieb und ein Hotel geplant sind. 

Besondere Freude hat der Architekt auch an der Holzbalustrade des befreundeten Künstlers Andres Bally, der hierfür extra im Wald Eichenholz gespalten hat. «Es ist quasi die Dekoration des Gebäudes und mich freut, dass es noch ein verspieltes Element dran hat», so Degelo. Ansonsten sei das Wohnatelierhaus schon mit einem gewissen Kompromiss verbunden. «Ich hätte mir natürlich viel tollere und schickere Lösungen vorstellen können, als wir jetzt realisieren konnten. Ich habe eigentlich gerne schöneren Beton und wenn die Wände ein bisschen fertiger sind. Aber wenn es darum geht, ein Ziel zu erreichen, muss man schauen, womit man leben kann. Und ich finde, diese Lösung ist vertretbar – vor allem als Wohnatelier.» Ausserdem stehe es jedem frei, noch ein bisschen nachzubessern. 

Suche nach Grundstücken

Das Ziel wurde jedenfalls erreicht. Denn die Flächen kosten auch nach einer Nachkalkulation tatsächlich nur zehn Franken pro Quadratmeter und Monat. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass laut den Wohnraumindikatoren des Statistischen Amts in Basel-Stadt aktuell für eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Schnitt 1367 Franken und für eine Vier-Zimmer-Wohnung 2175 Franken Monatsmiete verlangt werden. Dabei unterscheidet die Statistik nicht mal zwischen Alt- und Neubau. Die Mieten für Letztere dürften durchschnittlich deutlich höher liegen. 

Das Homebase-Konzept scheint also zu funktionieren. Deshalb ist man nun intensiv auf der Suche nach weiteren Grundstücken, auf denen sich dieses realisieren liesse. «Ich hoffe, dass wir bald ein geeignetes Landstück finden, das man idealerweise im Baurecht übernehmen und rein fürs Wohnen verwirklichen könnte. Wir suchen in der ganzen Deutschschweiz. Da es aber eine urbane Idee des Wohnens ist, suchen wir eher in Zentrumslagen», erklärt der Architekt. Man kann also nur hoffen, dass ihm das gelingt. Denn gegen erschwinglichen Wohnraum, der maximale Freiheit gewährleistet und noch ökologisch ist, dürfte niemand Einwände haben.

Autoren

Freier Mitarbeiter für das Baublatt.