Auf Kranmontage: Nur immer mit der Ruhe

Teaserbild-Quelle: Gabriel Diezi
Auf Kranmontage: Nur immer mit der Ruhe

Kranmonteure dürfen sich von Unwägbarkeiten nicht unterkriegen lassen. Vor Ort sind Entscheidungsfreude und Macherqualitäten gefragt. Unter Zeitdruck gilt es auch die engste Baustellenzufahrt zu überwinden und den knappsten Kranplatz auszureizen. Ein Tag im Arbeitsleben von Condecta-Chefmonteur Stefan Gut.

Eigentlich ist er sehr kompakt. 2,5 auf 15,5 Meter misst der Schnelleinsatzkran, der an diesem Morgen am Strassenrand eines Wohnquartiers in Allschwil BL auf seinen Transportfahrwerken parkiert. Aber ist der Euro 4515 kompakt genug? Diese Frage stellt sich Condecta-Chefmonteur Stefan Gut bei der Besichtigung der äusserst engen Baustelleneinfahrt. Erschwert wird die Aufgabe zudem von einem Holzzaun, der dem rechtwinklig von der Quartierstrasse abgehenden Zufahrtssträsschen schnurgerade in Richtung des vorbereiteten Kranplatzes folgt. Der definierte Standort für das Mietgerät befindet sich in einem begrünten Hinterhof, unmittelbar neben dem mittleren von drei etwas in die Jahre gekommenen Mehrfamilienhäusern, die nun gestaffelt saniert werden sollen.

Erfahrenes Team

Seit bald 20 Jahren ist der besonnene Gut für die Condecta AG auf Kranmontage. In dieser Zeit hat der gelernte Lastwagenmechaniker schon viel erlebt, entsprechend bringt den Routinier nicht so schnell etwas aus der Ruhe. «Doch das hier ist definitiv keine alltägliche Aufgabe», so seine erste Einschätzung. Entsprechend froh ist Gut, heute mit Roland «Ranger» Frei einen ebenfalls sehr erfahrenen Lastwagen-Chauffeur an seiner Seite zu wissen. Seit gut 25 Jahren fährt «Ranger» für die Condecta AG alle möglichen Baukrane kreuz und quer durch die Schweiz. Den Euro 4515 hat er nach dessen Einsatz an der Luzerner Baumaschinenmesse auf dem dortigen Gelände abgeholt und direkt ins Baselbiet chauffiert.

«Auch nachdem der Kran ‹abgebockt› ist, also sicher auf seinem Standplatz steht, bleibt ‹Ranger› vor Ort und hilft mir bei der gesamten Montage», erläutert Gut. Ein solches Teamwork bilde für ihn als erfahrenen Kranmonteur die Ausnahme, teile ihn doch die Auftragsdisposition mehrheitlich für Soloeinsätze ein. Oft werde das Gerät nämlich von einer Transportdrittfirma oder der Bauunternehmung selbst auf die Baustelle gefahren – und dann sei man bei der Montage auf sich alleine gestellt, so Gut. «Nur wenn wir den Kran mit einem unserer eigenen Lastwagen anliefern, sind wir für die Montage zu zweit vor Ort.»

Kranmonteur Gut erwartet sein Gerät auf dem vom Kunden vorbereiteten Kranplatz. Rechts vom roten Strich soll dieser zu stehen kommen.
Quelle: 
Gabriel Diezi

Kranmonteur Gut erwartet sein Gerät auf dem vom Kunden vorbereiteten Kranplatz. Rechts vom roten Strich soll dieser zu stehen kommen.

Zwei, drei gezielte Fragen

Doch auch beim heutigen Teameinsatz ist Gut auf der Baustelle hauptverantwortlich für die Kranmontage und Ansprechpartner für den Bauführer, mit dem er gleich zur Inspektion des Kranplatzes schreitet. Dieser ist für die Abstützung auf 4,5 mal 4,5 Metern vorbildlich vorbereitet, nur an der benötigten Stromzuleitung für den Kran arbeiten die Elektriker noch. Gut begutachtet das zur Verfügung stehende Unterlagematerial. «Ist das alles, was ihr da habt? Das Kantholz ist etwas knapp.» Doch vor Ort gibt es nicht mehr Holz. Und da Gut nicht so lange Kanthölzer für die Kranmontage benötigt, wird der vom Baumeister vertragsgemäss abdelegierte Helfer auf die Suche nach einer Motorsäge geschickt, um aus einem Kantholz kurzerhand drei machen zu können.

«Bleibt es bei einer Auslegerlänge von lediglich 28 Metern?», fragt Gut beim Bauführer sicherheitshalber nochmals nach. Dieser bestätigt ihm die bestellte, kürzestmögliche Ausladung. Der Baumeister hat sich dafür entschieden, um während der Mehrfamilienhaus-Sanierung an der Auslegerspitze bis zu maximal drei Tonnen schwere Balkonteile heben zu können. Das erlaubt ihm, die zu ersetzenden Balkone in grösseren Blöcken abzutransportieren, was weniger Schnitte und Zeit erfordert. Gut akzeptiert den Kundenwunsch ohne Murren, auch wenn die maximale Verkürzung der Ausladung für die Montage «einige Zusatzarbeit mit sich bringt», wie er etwas später zu «Ranger» sagt.

Vor Ort gilt es, ruhig zu bleiben und alleine klarzukommen. Es bringt nichts, sich über Dinge aufzuregen.

Stefan Gut, Chef-Kranmonteur, Condecta AG

In Etappen zum Kranplatz

Doch noch ist nicht Montagebeginn. Zuerst gilt es, den Transport erfolgreich abzuschliessen. Gut berät mit seinem Kollegen, wie man das Nadelöhr Baustelleneinfahrt überwinden kann. Den Kranwagen mit dem LKW rückwärts direkt ins Zufahrtssträsschen reinzuschieben, dürfte wohl nicht klappen, befinden die beiden. Und dies obwohl sich die wendigen Achsen der Strassenfahrwerke per Fernsteuerung einzeln lenken lassen. Denn zu beengt sind die Platzverhältnisse, zu ungünstig steht der Holzzaun mitten in der Ideallinie. Also bespricht Gut mit «Ranger» schon einmal präventiv den Einsatz des LKW-Kranarms, bevor der Chauffeur in seinen Lastwagen steigt und den Motor anlässt.

Nach dem wie erwartet erfolglos verlaufenen ersten Versuch «mit der Brechstange» setzen «Ranger» und seine Helfer auf ein schrittweises Vorgehen. Mit dem LKW wird der Kranwagen rückwärts auf der rechten Aussenbahn übers Trottoir nach vorne geschoben, um zum Schluss das vordere Fahrwerk des Kranwagens scharf links einzuschlagen. In total abgeknickter Position wird der Schnelleinsatzkran vom Lastwagen abgekoppelt. Mit dem Kranarm seines LKW hebt «Ranger» anschliessend den Euro 4515 auf der einen Seite an, so dass dort das Transportfahrwerk mit roher Muskelkraft gerade gestellt werden kann. Jetzt ist es ein Leichtes, das Gerät per LKW-Kranarm in die Zufahrtsstrasse zu drücken. Geschafft, der Lastwagen kann wieder angekoppelt werden. Bei der Vorbeifahrt an der Hausmauer beweist Gut aber nochmals sein Feingefühl an der Fernbedienung der Transportachsen.

Wo bleibt der Strom?

Es braucht aber einige zusätzliche LKW-Kranarm-Einsätze und Muskelkraft, bis das Gerät endlich am vom Kunden gewünschten Ort steht, nämlich möglichst nahe am eingerüsteten Mehrfamilienhaus. Der Baumeister zieht derweil seinen Helfer bereits wieder ab, da er ihn selbst dringend braucht. Gut nimmt es freundlich gelassen zur Kenntnis: «Ich werde es in meinem Arbeitsrapport festhalten, jetzt aber ruhig bleiben und alleine klarkommen.» Gemeinsam mit «Ranger» sind dann die mitgebrachten Betonfundamente dennoch schnell platziert, und Gut kann den Schnelleinsatzkran fachmännisch «aufbocken». So weit so gut, doch für die Fortführung der Montage fehlt immer noch die Stromzufuhr. Der Elektriker hat an der Zuleitung irrtümlich einen Stecker statt einer Buchse montiert. Gut fragt bei ihm freundlich, aber bestimmt nach: «Es bringt nichts, sich in einer solchen Situation aufzuregen.» Bis der dringend benötigte Strom fliesst, bereitet er einmal an seinem Gerät vor, was er vorbereiten kann.

Als der Schnelleinsatzkran endlich unter Strom steht, wird der Kranturm mit den Montagewinden aufgerichtet. Anschliessend bringt Gut den sogenannten Schlitten in Position und verbolzt ihn mit dem Innenturm, um diesen langsam ausfahren zu können. Nachdem der Kranturm auf die gewünschte Höhe geklettert ist, folgt das Platzieren des benötigten Gegenballasts auf der Drehbühne. 18 Betonelemente à je 1,93 Tonnen hängen nacheinander an «Rangers» LKW-Kranarm. Gut schichtet die insgesamt 34,7 Tonnen Ballast wie Legosteine fein säuberlich aufeinander. Dabei ist der Kranmonteur mit seiner persönlichen Schutzausrüstung gegen Absturz gesichert. Auf der morgendlichen Hinfahrt hat er erzählt, dass ein gesunder Respekt vor der Höhe seine Lebensversicherung sei. «Ich sage immer, die grösste Gefahr für den Kranmonteur ist seine Routine», so Gut.

Lösungsorientiert zur Übergabe

Bevor Gut sich nun dem Kranausleger zuwendet, lässt er sein Gerät probehalber einmal um die eigene Achse drehen. Der Versuch bleibt unvollendet, streift der Gegenballast doch unüberhörbar das zuoberst etwas auskragende Baugerüst. Obwohl es nur um wenige Zentimeter geht, muss Gut den LKW zurückbeordern, um die obersten zwei Steine im Rahmen des Möglichen zu verschieben. Der nächste Drehversuch folgt, wieder ohne Erfolg. Nun holt Gut kurzerhand seinen Trennschneider aus dem Montagewagen, steigt auf das Baugerüst und stutzt das eine, zu weit hinunterreichende Rohr zurecht. Doch der nächste Versuch scheitert erneut. «Ich muss nochmals ein kleines Stück nehmen», analysiert Gut und schreitet zur Tat. Und dann nach dem x-ten Drehversuch kann er endlich ein erlöstes «So!» folgen lassen.

«Ranger» entfernt beim Gerät mit dem LKW-Kranarm noch schnell die überflüssig gewordenen Strassenfahrwerke. Dann unterstützt er Gut bei der aufwendigen Verkürzung des Auslegers. Dafür wird dieser zuerst einmal abgesenkt. Denn ­um die vom Kunden gewünschte, kürzestmögliche Ausladung zu erhalten, sind einige Auslegerteile wie das Knie zu demontieren. Tatsächlich bleiben viele Bolzen nicht dort, wo sie vorher waren. Doch schliesslich haben es Gut und sein kundiger Assistent «Ranger» geschafft, der Kranausleger ist nur noch 28 Meter lang. Nachdem auch die Kranflasche wieder an ihrem angestammten Platz hängt, ist es soweit: Gut lässt den Kranausleger mit den Montagewinden langsam, aber sicher in den Allschwiler Himmel ragen. Und nach der erfolgreich absolvierten Überlastkontrolle übergibt ein zufriedener Kranmonteur den frisch kalibrierten Euro 4515 seinem Kunden.

Krane als Markenzeichen

Montage geglückt: Der Condecta-Schnelleinsatzkran Euro 4515 ist  nach einem ganzen Arbeitstag bereit für den Einsatz in Allschwil BL.

Baukrane sind ein wichtiges Standbein der Condecta AG, die dieses Jahr ihr 60-jähriges Bestehen feiert. Das Winterthurer Unternehmen vertreibt die Hebevorrichtungen bereits seit 1968, mit der Produktion eigener Schnelleinsatzkrane startete es 1980 in Schio. Bis heute fertigt die Condecta AG seine kompakte Euro-Kranreihe im eigenen norditalienischen Werk, in der Schweiz werden die Geräte stetig weiterentwickelt. Ein Meilenstein war diesbezüglich 1996 die Einführung der nutzerfreundlichen hydraulischen Turm- und Auslegermontage, die wohl massgeblich zum Erfolg der Schnell­einsatzkrane von Condecta beigetragen hat. (gd)

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Stv. Chefredaktor Baublatt

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