Äthiopien: Stadtplanung auf dem Land

Teaserbild-Quelle: Rudolf Stumberger

In Äthiopien leben 80 Prozent der über 100 Millionen Einwohner in ländlichen Gegenden. Noch – denn immer mehr ziehen in die Städte, die für das enorme Bevölkerungswachstum nicht gewappnet sind. Um diesem Trend zu begegnen, sollen 8000 neue Städte entstehen. Eine stadtplanerische Herausforderung.

Von Rudolf Stumberger*

Jeden Morgen und Abend quält sich der Berufsverkehr im Schritttempo durch die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba. An saubere Luft ist nicht zu denken. Als Alternative steht die von den Chinesen gebaute Strassenbahn auf einer Hochtrasse zur Verfügung. Darunter zeigen sich die sozialen und baulichen Verhältnisse: Zwischen zwei- und dreistöckigen Steinhäusern breiten sich immer wieder die aus Wellblech und sonstigen Materialien zusammengeschusterten Hüttensiedlungen aus. Die Strassen der Stadt erinnern an einen Basar: Hier wird an jeder Ecke Kleinstgewerbe betrieben. Männer, Frauen, Kinder – jeder versucht, sich ein Einkommen zu sichern. Äthiopien ist noch immer eines der ärmsten Länder der Welt.

Neue Viertel in Aussenbezirken

Dabei erlebt die Hauptstadt Addis Abeba derzeit einen Bauboom. Überall stehen Baugerüste oder halb fertige Betonskelette herum. Im Stadtzentrum zeichnet sich so etwas wie eine Skyline mit Hochhäusern ab. Gut im Geschäft sind dabei die Chinesen, die etwa an der Ecke Ras Desta Damtew Strasse/Johanis-Strasse den grössten Wolkenkratzer der Stadt hochziehen.

Er wird zum Hauptsitz einer Bank. Fliegt man mit dem Flugzeug über die afrikanische Metropole mit ihren – inoffiziellen Schätzungen zufolge – vier oder fünf Millionen Einwohnern, so wird eine Struktur erkennbar: Neben dem angestammten Stadtgebiet breiten sich in den Aussenbezirken die Neubauviertel und die Reihenhaussiedlungen für den Mittelstand aus. Im Süden entsteht zum Beispiel ein grosses neues Wohnviertel für die Arbeiter der dort gegründeten Industriezentren.

Fokus auf ländliche Regionen

Kann man sich in dieser Grossstadt eine Stadtplanung vorstellen? In einem Land, in dem es nicht einmal in den Städten Strassenschilder und Hausnummern gibt? In Addis Abeba hat man begonnen, Strassenschilder aus Plastik aufzustellen, weil solche aus Metall abgeschraubt und als Altmetall verkauft wurden.

Die Leute hier haben kaum Trinkwasser. Wie sollen wir da den Zement mischen?

Sami Berhani, Bauingenieur in Axum, Äthiopien
Sami Berhani, Bauingenieur in Axum, Äthiopien

Um mehr über die lokale Stadtplanung zu erfahren, muss man mit der grünen Trambahnlinie bis zur Haltestelle «Coca Cola» fahren – nicht wegen der amerikanischen Getränkefabrik, sondern für einen Besuch auf dem ebenfalls hier gelegenen Campus der Universität. Denn an der Fakultät für Architektur findet sich das «Emerging City Lab» (ECL), was so viel wie «Labor für neu entstehende Städte» bedeutet. Das Institut entstand 2015 aus einer Zusammenarbeit der Bauhaus-Universität Weimar und des äthiopischen Instituts für Architektur, Gebäudekonstruktion und Stadtentwicklung. Leiter des Institutes ist Zegeye Cherent.

Wenn der Architekturprofessor die Ziele seines Institutes erläutert, holt er erst einmal aus: «Bisher lag der Schwerpunkt der Entwicklung immer auf dem Land, alle Politik war auf das Land konzentriert, die Städte hat man dabei vergessen.» Die Gründe dafür liegen auf der Hand: 80 Prozent der über 100 Millionen Äthiopier leben in ländlichen Gebieten, angewiesen auf die Ernte ihrer kleinen Bauernhöfe in Subsistenzwirtschaft. Eine kritische Ausgangslage, wenn man bedenkt, dass Äthiopien in den vergangenen Jahren insbesondere wegen Dürre und Hungersnöten in den internationalen Schlagzeilen war.

Bauerndorf auf dem Land in Äthiopien
Quelle: 
Rudolf Stumberger

Viele zieht es aus den Bauerndörfern in die grossen Städte, etwa in die Hauptstadt Addis Abeba, wo mehrere Millionen Menschen wohnen. Der Kontrast könnte grösser nicht sein.

Doch diese Politik der Unterstützung ländlicher Gebiete habe wesentliche Entwicklungen übersehen, so der 46-jährige Professor: Dass aufgrund des Klimawandels, der Bodenerosion und damit sinkender Erträge sowie wegen des enormen Bevölkerungswachstums immer mehr Menschen in die Städte flohen – in Städte, die darauf aber überhaupt nicht vorbereitet waren. «2015 haben die verantwortlichen Politiker dann endlich die Augen aufgemacht und gesehen, dass sich da Millionen von Menschen auf den Weg in die Stadt machen.»

Die Konsequenz: Jetzt will die Regierung 8000 Städte auf dem Lande entstehen lassen, um die Menschen dort zu halten und neue Wirtschaftszweige entstehen zu lassen. Doch wie kam man auf diese Zahl? «Ganz einfach», sagt der Architekt, «wir haben in ganz Äthiopien 25 000 kleinste Gemeindeeinheiten, davon knapp 17 000 im ländlichen Raum. Die Hälfte davon macht rund 8000.»

Pilotprojekt mit Modellhaus

Was bedeutet es, eine derart gigantische Zahl an stadtähnlichen Zentren aus dem Boden zu stampfen? Was für Häuser sollen da entstehen, mit welchen Materialien und wie soll das Zusammenleben aussehen? Um so etwas flächendeckend zu realisieren, braucht man Blaupausen für Siedlungen. So hatte man in einem Pilotprojekt schon 2010, noch vor dem Erwachen der Politik, in Buranest, einem Dorf bei Bahir Dar am grossen Tana-See, den Grundstein für eine neue Stadt gelegt. Ein doppelstöckiges Modellhaus wurde errichtet, eine Genossenschaft gegründet, die Bauern sollten sich handwerkliche Fähigkeiten aneignen, sich bilden und ihre Produkte selbst vermarkten.

Aus Misserfolg gelernt

Doch der Weg zur ländlichen Stadt ist ein beschwerlicher. So hat sich die Genossenschaft wieder aufgelöst, weil sich die Mitglieder nach Erhalt ihres Ausbildungszeugnisses als angelernte Handwerker aus dem Staub gemacht hatten, um woanders Geld zu verdienen. Aber man habe auf diesem Weg viel gelernt, auch darüber, was nicht geht, zieht Cherent Bilanz. War bisher die Voraussetzung für eine Stadtgründung an eine Bevölkerungszahl von 2000 Einwohner gebunden, wurde diese Zahl nun von der Regierung auf 500 gesenkt.

In Addis Abeba testen Studenten im Moment das Bauen mit Plastikflaschen, die mit Sand gefüllt sind.
Quelle: 
Rudolf Stumberger

In Addis Abeba testen Studenten im Moment das Bauen mit Plastikflaschen, die mit Sand gefüllt sind.

Die Arbeit im ECL in Sachen urbane Strukturen im ländlichen Raum geht weiter, diesen März waren Studierende der Uni Weimar in Äthiopien unterwegs, um eine digitale Entwicklungsplattform für den Aufbau von Städten voranzutreiben. Und auf dem Gelände der Universität sind nahe dem ECL-Institut noch verschiedene Modellhäuser zu besichtigen, bei denen das Bauen mit einfachsten Materialien erprobt wurde. Die Bandbreite reicht von Strohhütten bis Holzhäuser, die ohne Nägel oder Schrauben zusammengehalten werden. Derzeit arbeiten die Studierenden daran, aus mit Sand gefüllten Plastikflaschen Wände zu errichten. Diese Flaschen «zieren» das ganze Land entlang der Strassen und könnten so ein kostenloses Baumaterial darstellen.

Raus aus der Stadt

Auf der einen Seite stehen die staatlichen Ziele zur Schaffung urbaner Strukturen auf dem Land. Auf der anderen Seite darf die Praxis nicht vergessen gehen: die Realität des Bauens in der äthiopischen Provinz. Diesen praktischen Einblick erhält man beispielsweise in der Stadt Axum im Norden Äthiopiens. Diese Ortschaft mit rund 70 000 Einwohnern unterscheidet sich deutlich von der Hauptstadt Addis Abeba: Hier gibt es keine wirkliche Rushhour, anstelle von russischen Lada-Taxis fahren indische Bajaj-Motorroller durch die Strassen und auch die Luft ist sauberer. Und insbesondere mit den 1500 Jahre alten Stelen aus der Zeit des axumischen Reiches kann das historische Erbe von Addis Abeba nicht mithalten. Doch eine Gemeinsamkeit verbindet die beiden Städte: die vielen Rohbauten. Auch in Axum wird kräftig gebaut.

Einer, der sich an diesem Bauboom beteiligt, ist Sami Berhani. Der 30-jährige Bauingenieur ist hier geboren, hat fünf Jahre an der hiesigen Universität studiert und mit dem Bachelor abgeschlossen. Seit ein paar Jahren ist er selbstständig und betreibt ein Konstruktionsbüro. Ein grosses Reklameschild an der Hauptstrasse weist auf das Büro hin, das in einer der Nebenstrassen liegt, in der keine Autos parken, sondern Ziegen sich in den Schatten der Häuser drängen.

Zuerst das Erdgeschoss finanzieren

Hier werden Häuser mit Gerüsten aus Holz gebaut. Die Rohbauten wirken nicht selten wie moderne Kunst. Eine von Berhanis Baustellen liegt nur wenige Gehminuten von seinem Büro entfernt an der Hauptstrasse. Arbeiter sind gerade dabei, das kleine Grundstück für das Betonieren der Bodenplatte vorzubereiten. Dazu werden Steine für das Fundament zerkleinert – händisch, mit dem Hammer. Zementsäcke werden auf der Schulter geschleppt. Schutzhelme gibt es keine. Die Bauarbeiter, die als Tagelöhner mithelfen, verdienen pro Tag zwischen vier und zehn Euro.

Ingenieur Berhani erklärt, wie hier gebaut wird und warum man so viele Rohbauten antrifft: «Zuerst wird das Erdgeschoss hochgezogen. Weitergebaut wird, wenn wieder Geld vorhanden ist.» Das kann dauern. Er zeigt auf einen mächtigen Rohbau direkt an der Hauptstrasse, die Struktur lässt eine ambitionierte Architektur erkennen. «Das soll ein Hotel werden, steht aber schon seit zehn Jahren so da.»

Historische Andeutungen

Beim zweiten seiner derzeit fünf Projekte handelt es sich ebenfalls um ein Hotel. Dieses liegt etwas abseits der Hauptstrasse in der zweiten Häuserreihe. Das Gebäude ist nahezu fertiggestellt, die Fassade ist geprägt durch eine angedeutete Stele, eine Reminiszenz an die Geschichte der Stadt unter den Herrschern des axumischen Reiches.

Die Stockwerke mit den Gästezimmern sind ausgebaut, nur im Erdgeschoss mit den Garagen und im ersten Stock, wo das künftige Restaurant entsteht, wird noch gearbeitet. Der Bauingenieur wechselt ein paar Worte mit dem Auftraggeber und will schliesslich noch ein kleines, aber interessantes Projekt vorstellen – draussen auf dem Land.

Schule im Freien

Nach einer Fahrt durch die trockene, kahle Landschaft mit gelegentlichen Sträuchern und Kakteen, wird die Strasse wegen der Steine fast unpassierbar. Es geht zu Fuss weiter zu einem staubigen Platz, auf dem sich etliche Kinder tummeln. Dahinter sind einige Lehmhütten zu sehen – das Dorf Endayesus.

Hier findet der Schulunterricht im Moment noch im Schatten der Bäume statt. Deshalb entsteht derzeit ein Schulgebäude, im Auftrag eines deutschen Hilfswerks aus Nürnberg. Der Verein wurde von Gymnasiasten in München mit dem Bau beauftragt, nachdem diese sich im Rahmen eines Physik-Projektseminars mit Entwicklungshilfe befasst hatten. Dabei planten sie ein kleines Schulgebäude und lernten, wie man klimagerecht baut. Dafür wurden schliesslich Spenden gesammelt, die nun in den Bau in Endayesus fliessen.

Baumaterial wird teurer

Am Beispiel des Schulhauses wird eine grosse Herausforderung beim Bauen in Äthiopien deutlich: der Wassermangel. Beim nahegelegenen Wasserhahn liegen jede Menge gelber Plastikkanister für den Transport bereit. «Die Leute hier haben kaum Trinkwasser, wie sollen wir da den Zement mischen?», so Berhani. Zudem muss das Material über die steinige Strasse, die sich in schlechtem Zustand befindet, hierher transportiert werden. Die Bauarbeiter würden aufgrund der umständlichen Anreise mehr Lohn verlangen. Und die Baukosten können ebenfalls schnell aus dem Ruder laufen. Die Preise
für einen Sack Zement oder Metallstangen sind stark angestiegen. Denn auch die politische Entwicklung – etwa der laufende Friedensprozess mit dem Nachbarn Eritrea und die damit verbundene Grenzöffnung – wirkt sich auf den Markt aus. In Eritrea wird ebenfalls fleissig gebaut. Und Axum liegt nicht weit von der Grenze entfernt.

*Rudolf Stumberger unterrichtet als Privatdozent Stadtsoziologie an der Universität Frankfurt. Er arbeitet in München als freier Journalist.