08:08 BAUBRANCHE

Kolumne zum Donnerstag: Auch der Immobilienmarkt krankt

Geschrieben von: Eva Herzog
Teaser-Quelle: libertyslens, Flickr, CC

In der Kolumne zum Donnerstag berichten Exponenten der Branche über das, was sie bewegt. Heute beschäftigt sich Eva Herzog, Präsidentin von Wohnbaugenossenschaften Schweiz, mit dem angespannten Wohnungsmarkt.

Schreibmaschine Kolumne Symbolbild

Quelle: libertyslens, Flickr, CC

Schreibmaschine, Schmuckbild.

Der Wohnungsmarkt hat sich nicht entspannt, obwohl die Zahl der Haushalte im Pandemiejahr 2020 kaum gewachsen ist. Der jährliche Immobilienmonitor des Bundesamts für Wohnungswesen zeigt erstmals, wie sich der Wohnungsmarkt in der Corona-Krise entwickelt hat. Was auffällt: Der Traum vom eigenen Einfamilienhaus ist für die meisten Haushalte in weite Ferne gerückt. Für Familien ohne grosses Vermögen gibt es kaum noch erschwingliche Häuser auf dem Markt. Wer Wohneigentum sucht, findet am ehesten eine Eigentumswohnung. 

Doch diese Verschiebung im Eigentumssektor vom Einfamilienhaus hin zur Eigentumswohnung ist nicht unproblematisch. Denn wenn die Liegenschaften saniert werden sollen, müssen sich die Stockwerkeigentümerschaften erst einmal einig werden. Das verhindert unter Umständen eine langfristige und nachhaltige Bewirtschaftung.

Was ausserdem wenig erstaunt: Auch der Markt für Mietwohnungen hat sich 2020 verknappt – in allen Preissegmenten, insbesondere aber im unteren. Das liegt vor allem daran, dass sich in Coronazeiten mehr Menschen eine grössere oder eine zweite Wohnung gesucht haben. Die Menschen arbeiten vermehrt zu Hause, brauchen mehr Raum. Wer es sich leisten kann, hat eine Zweitwohnung auf dem Land bezogen. Mit der Krise ist aber gleichzeitig auch die Gruppe derjenigen, die kaum eine bezahlbare Wohnung finden, grösser geworden.

Dieser Entwicklung sind räumliche und ökologische Grenzen gesetzt, und sie enthält sozialen Zündstoff. Ein probates Gegenmittel gegen diese ungesunde Tendenz ist der gemeinnützige Wohnungsbau. Er befriedigt dieselben Bedürfnisse, aber ohne die Nebenwirkungen. Genossenschaften sind der dritte Weg zwischen Miete und Eigentum und verbinden das Beste aus beiden Welten: erschwingliches Wohnen mit der Sicherheit von Eigentum. 

Es gelten klare Abmachungen, wie Entscheide getroffen werden, die Unterhalt und Sanierung ganzer Liegenschaft betreffen. Und ohne immer mehr Wohnfläche zu brauchen, gehen Genossenschaften auch auf die veränderten Raumbedürfnisse ein. Sie scheiden private Räume und Gemeinschaftsräume aus: Wer mehr Platz braucht zum Arbeiten, für das Hobby oder für Gäste, kann solche Räume mit anderen teilen und nach Bedarf nutzen, anstatt sie auf Dauer zu mieten oder zu kaufen.

Das Rezept wäre also ganz einfach. Wo der Haken ist? Bei der Dosis: Nicht einmal fünf Prozent der Wohnungen sind gemeinnützig. Um den Bedürfnissen der Menschen sowie den künftigen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Anforderungen gerecht zu werden, bräuchte es viel mehr.

Geschrieben von

Präsidentin von Wohnbaugenossenschaften Schweiz und SP-Ständerätin.

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