ETH-Wohnforum: Kampf um den Boden

Teaserbild-Quelle: Diego Torres, Pixabay, Public Domain-ähnlich

Damit die Städte gerechter wachsen und lebenswert für alle bleiben, müsse der Staat eingreifen: Davon zeigte sich die Soziologin Saskia Sassen am ETH-Wohnforum überzeugt. Die Nationalrätin Jacqueline Badran forderte, die öffentliche Hand solle Land kaufen und es im Baurecht an gemeinnützige Bauträger abgeben.

Wohnungen zu leistbaren Preisen werden in Zürich wie auch in anderen grösseren Städten zunehmend zur Mangelware», sagt Marie Glaser, Leiterin des Wohnforums der ETH Zürich. Die Bevölkerung wächst, weil in der Stadt attraktive Arbeitsplätze locken. Doch die Wohnungsproduktion vermag mit dem raschen Wirtschaftswachstum nicht Schritt zu halten. Die Baulandreserven sind knapp, und die Verdichtung geht in den Augen mancher Experten zu wenig weit, auch wenn sie den geltenden Baugesetzen folgt.

Ökonomisch schwächere Haushalte werden verdrängt, weil zu wenige Wohnungen an zentralen Lagen in der Nähe der Arbeitsorte zur Verfügung stehen. Glaser sieht einige Spannungsfelder, die sich da eröffnen: zwischen Eigentum und Vergemeinschaftung des Bodens, zwischen Höherbauen und Wahrung des Bestands und zwischen Aufwertung der öffentlichen Räume und mangelndem Wohnungsangebot.

Die Grundsatzfrage laute, wem der Boden gehört und wem er gehören solle, erklärt Glaser. Es stelle sich auch die Frage, welche Politik es braucht, um Boden sozialverträglich nutzen zu können. Und man müsse sich auch darüber klar werden, welche Stadt man in Zukunft wolle und mit welchen Instrumenten dieses Ziel erreicht werden soll.

Wie können Städte gerechter wachsen und lebenswert bleiben? Um diese Frage drehte sich das diesjährige Wohnforum der ETH Zürich. Die amerikanische Stadtforscherin und Globalisierungstheoretikerin Saskia Sassen, die derzeit an der Columbia Universität in New York als Soziologieprofessorin tätig ist, sieht im internationalen Immobiliensektor finstere Mächte am Werk. Sie spricht von «räuberischen Formationen».

Darunter versteht sie undurchschaubare Geflechte von machtvollen Akteuren, Technologien, Märkten und Regierungen. Weltweit seien anonyme Gross­investoren daran, Immobilien still und leise aufzukaufen. Dabei gehe es nicht einmal um Renditen aus dem Mietertrag, sondern um die Boden- und Immobilienwerte, die gerade in den Boomstädten in rasendem Tempo ansteigen.

Immobilien sind zu Aktiven geworden, die teils hochriskante Geldgeschäfte absichern – das heisst zu materiellen Gegenwerten für Finanztransaktionen, sogenannten «Asset-Backed Securities». In London zum Beispiel haben ausländische Käufer in den vergangenen Jahren Hunderte von Immobilien an bester Lage, aber auch in allen anderen Teilen der Stadt erworben, wie Sassen erklärt.

Viele historische Gebäude in London, die seit Jahrhunderten die Identität der Themsestadt prägen, gehören heute chinesischen Investmentgesellschaften, die sich ausschliesslich für deren Wert als Finanzinstrument interessieren. «Diese Gebäude lügen – sie sind nur Kulissen», sagt Sassen. «Wer sich hinter den Fassaden verbirgt, weiss niemand.»

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