10:11 BAUBRANCHE

Beton-Ausstellung im SAM: Der Baustoff, der polarisiert

Teaserbild-Quelle: Schweizerisches Sozialarchiv

Von den einen verteufelt, von den anderen verehrt – eines ist sicher: Beton ist überall. Aber wovon ist eigentlich die Rede, wenn wir über diesen polarisierenden Baustoff sprechen? Das Schweizerische Architekturmuseum (SAM) in Basel widmet dem Beton eine Ausstellung.

Graffiti I Long For Betong Zürich

Quelle: Schweizerisches Sozialarchiv

Graffiti, Zürich. Foto von Gertrud Vogler, Februar 1981.

Flüssig oder fest, versteckt oder freiliegend, Bauteil oder Monolith – Beton lässt viele Formen und Wandlungen zu und ebenso viele Assoziationen wie Anwendungen. Heute ist Beton der meistverwendete Baustoff der Erde. Doch das wachsende Bewusstsein für seine erheblichen ökologischen Auswirkungen hat deutlich gemacht, dass der Status quo des Bauens mit Beton nicht mehr haltbar ist.

Gerade jetzt, da lang vorherrschende Argumente für das Material infrage gestellt werden, ist es an der Zeit, einen genaueren Blick darauf zu werfen, was Beton ist und war, um darüber nachzudenken, was er noch sein könnte.

Originalzeichnungen, Modelle und Fotografien

Das Schweizerische Architekturmuseum (SAM) in Basel zeigt bis zum 24. April 2022 die Ausstellung «Beton». Sie präsentiert neun Sichtweisen auf Beton, wie das SAM in einer Medienmitteilung schreibt. Es werden unter anderem Originalzeichnungen, Modelle und Fotografien aus den drei wichtigsten Architekturarchiven der Schweiz gezeigt, um dieses komplexe Material zu beleuchten. Der historische Rahmen der Ausstellung wird durch ein Veranstaltungsprogramm ergänzt. Die Themen sind die heutige Verwendung von Beton und seine mögliche Zukunft

Es gibt drei wichtige Architektursammlungen in der Schweiz: das gta Archiv an der ETH Zürich, die Archives de la construction moderne an der EPF Lausanne und das Archivio del Moderno dell’Accademia di architettura an der Università della Svizzera italiana (USI) in Mendrisio. Diese Hochschulen sind die treibende Kraft in der wissenschaftlichen Forschung zur Schweizer Architekturgeschichte.

Als private Institution ohne Ankaufsetat hat das Schweizerische Architekturmuseum nach eigenen Angaben einen Weg gesucht, um die Kompetenzen zu bündeln und im März 2017 eine Kooperationsvereinbarung mit den Archiven der drei Hochschulen unterzeichnet – mit dem Ziel, gemeinsam Schweizer Baukultur in Form von Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen zu vermitteln.

Über 15 000 Objekte und Dokumente untersucht

Jetzt macht dieser Verbund das erste Projekt und somit auch Zeichnungen, Pläne und Modelle zugänglich, die noch nie zusammen zu sehen waren: in Form der Ausstellung «Beton» im SAM und der Begleitpublikation «Concrete in Switzerland. Histories from the recent past». Für diese Ausstellung wurden über 15 000 Objekte und Dokumente über einen Zeitraum von fast drei Jahren untersucht. Fast 300 Objekte fanden ihren Weg in die Schau.

Gustav Gull Renovation des Hauptgebäudes ETH Zürich

Quelle: gta Archiv / ETH Zürich, Gottfried Semper

Gustav Gull, Renovation des Hauptgebäudes ETH Zürich, 1914 bis 1925. Ein Mann installiert einen Kunststeinblock an der Fassade des Südflügels, anonyme Fotografie, November 1921.

Hans Leuzinger und Robert Maillart Cementhalle an der Schweizerischen Landesausstellung

Quelle: gta Archiv / ETH Zürich, Hans Leuzinger

Hans Leuzinger und Robert Maillart, Cementhalle an der Schweizerischen Landesausstellung, Zürich, 1939. Bauarbeiter tragen Spritzbeton auf Bewehrungsgitter auf, anonyme Fotografie, November 1938.

Jean Tschumi Hauptsitz Mutuelle Vaudoise Accidents Lausanne

Quelle: Archives de la construction moderne / EPFL, Fonds Jean Tschumi

Jean Tschumi, Hauptsitz Mutuelle Vaudoise Accidents, Lausanne, 1953 bis 1956. Der Einbau eines vorfabrizierten, armierten Betonpaneels in einen Rahmen an der Westfassade, anonyme Fotografie, April 1955.

In der Ausstellung zur Geschichte des Betons in der Schweiz im 19. Und 20. Jahrhundert wird dieses polarisierende Material sowohl als Baustoff als auch kulturelles Phänomen untersucht. Dabei werden weitverbreitete Vorstellungen hinterfragt und unerwartete Zusammenhänge aufgedeckt, wie das SAM schreibt. Die Schau geht verschiedenen Fragen nach: Wie verändert Beton die Landschaft und wie wir sie wahrnehmen? Welche Bedeutung hat Beton als von Menschen geschaffenes Gestein im alpinen Kontext? In welchem Verhältnis steht Beton zu Energie, Kosten und Umwelt?

Im ersten Ausstellungsraum des SAM wird mit grossen Modellen, filmischen Beiträgen sowie einer Szenografie, die Besucher assoziativ an den eigentlichen Einsatzort des Betons – die Baustelle – bringt, die Schau atmosphärisch eingeleitet. Unter anderem wird auch «Opération Béton» gezeigt, ein Kurzdokumentarfilm von Jean-Luc Godard aus dem Jahr 1955. In den darauffolgenden Räumen 2 bis 4 werden neun Themenfelder – sogenannte «Betongeschichten» – rund um Beton mit Objekten aus den drei Archiven der drei Hochschulen sowie von über 15 weiteren Leihgebern in Form von Kabinetten aufgegriffen.

Konstruktive Gespräche über die Zukunft des Betons

Die Ausstellung zur Geschichte des Betons verdeutliche auch die Verantwortung, die die Bauindustrie für die Verursachung der Klimakrise trägt, heisst es in der Mitteilung weiter. Im Rahmenprogramm der Ausstellung sollen konstruktive Gespräche mit Architektinnen und Architekten, Bauherren, Materialproduzenten, Baufachleuten und nicht zuletzt auch mit der Zementindustrie über die Zukunft des Betons geführt werden. Die Industrie setzt vermehrt auf die Entwicklung neuer Technologien für Beton, die weniger Ressourcen verbrauchen, weniger Kohlendioxid ausstossen und sogar einen Teil der Treibhausgase in der Atmosphäre einfangen.

Buchover Begleitpublikation «Concrete in Switzerland. Histories from the recent past»

Quelle: zvg

Buchover der Begleitpublikation «Concrete in Switzerland. Histories from the recent past»

Die Begleitpublikation «Concrete in Switzerland. Histories from the recent past» vereint 13 Essays von nationalen und internationalen Experten aus den Fachgebieten Geschichte, Architektur-, Technologie- sowie Sozialgeschichte und stellt wichtige Betonbauten in allen Landesteilen der Schweiz vor. Die neun «Betongeschichten» aus der Ausstellung werden hier in reich bebilderten Essays von der Ausstellungskuratorin Sarah Nichols vertieft. (mgt)

Öffnungszeiten: Mo geschlossen; Di, Mi und Fr 11 bis 18 Uhr; Do 11 bis 20:30 Uhr; Sa und So 11 bis 17 Uhr.

Martin Moser Plakat für die Volksinitiative «Stopp dem Beton – für eine Begrenzung des Strassenbaus»

Quelle: Museum für Gestaltung Zürich / Plakatsammlung / Zürcher Hochschule der Künste

Martin Moser, Plakat für die Volksinitiative «Stopp dem Beton – für eine Begrenzung des Strassenbaus», 1990.

Alfred Stucky Staumauer Grande Dixence

Quelle: Archives Architectures Genève, Fonds Zschokke Constructions, Série 0338

Alfred Stucky, Staumauer Grande Dixence, 1950 bis 1961. Phasenplan für Betongüsse, Februar 1954, Plankopie.

Aurelio Galfetti Restauration Castelgrande Bellinzona

Quelle: Archivio del Moderno, Fondo Aurelio Galfetti

Aurelio Galfetti, Restauration des Castelgrande, Bellinzona, 1981 bis 2000. Längsschnitt durch Aufzüge und Treppenhaus mit Zugang vom Piazza del Sole, Januar 1983 bis Juni 1985, Tusche auf Polyesterfolie.

Livio Vacchini Studio Vacchini Locarno

Quelle: Archivio del Moderno, Fondo Livio Vacchini

Livio Vacchini, Studio Vacchini, Locarno, 1984 bis 1985. Perspektivische Schnitt, 1985, Tusche auf Polysterfolie.

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