Auswirkungen des Klimawandels auf die Infrastruktur der Schweiz

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Mit dem Klimawandel nehmen Hitzeperioden, Hochwasser, Steinschläge, Murgänge und Felsstürze zu – und damit die Schäden an Infrastrukturen. Der Klimawandel wirkt sich auch auf Stromnachfrage und -produktion aus. Was dies für die Infrastrukturen der Schweiz bedeutet, erklärt Christian Jaag von Swiss Economics. 

Eine Milliarde pro Jahr wird die Schweiz in Zukunft investieren müssen, um die Infrastruktur fit für den Klimawandels zu machen.
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Eine Milliarde pro Jahr wird die Schweiz in Zukunft investieren müssen, um die Infrastruktur fit für den Klimawandels zu machen.

Das Eidgenössische Amt für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) geht von mittelfristigen Auswirkungen in der Grössenordnung von einer Milliarde Franken pro Jahr aus. Wenn wie im letztjährigen Hitzesommer die Leistung der Kernkraftwerke gedrosselt werden muss, weil das Kühlwasser zu warm ist und wenn die Fahrrinne des Rheins nicht genug Wasser für den Gütertransport führt, dann werden erste Auswirkungen des Klimawandels auf die Infrastruktur spürbar.

Selbst wenn es doch noch mit vereinten Anstrengungen gelingen sollte, die Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, wird die Schweiz Millionen investieren müssen, um ihre Infrastruktur an die sich verändernden Verhältnisse anzupassen und die Folgen des Klimawandels zu bewältigen.

Extremereignisse wie Starkregen und Stürme werden in höherer Dichte auftreten als heute. Entsprechend häufiger werden sie Schäden verursachen. Viel Regen in kurzer Zeit bringt die Kanalisation an die Kapazitätsgrenzen. Überschwemmungen werden häufiger. Auch der schleichende Klimawandel sorgt für Investitionsbedarf, der von hitzeresistentem Strassenbelag bis zu neuen Anforderungen an die Stromversorgung reicht.

 Mit Blick auf solche Entwicklungen hat das Uvek nun das Beratungsunternehmen Swiss Economics mit einer Studie zur Bedeutung des Klimawandels für die Infrastrukturen in der Schweiz beauftragt. Dazu arbeitete man bei Swiss Economics die vorhandene Literatur zu diesen Themen durch, brachte alles auf einen einheitlichen Stand und lieferte einen Überblick über die zu erwartenden Auswirkungen erstellt. Swiss Economics-Gründer Christian Jaag erläutert im Interview die wichtigsten Fakten.

Christian Jaag, überall liest man von den Schäden und den Kosten, die der Klimawandel bringen wird. Sie haben für Ihren Bericht wochenlang die vorhandenen Daten durchgearbeitet, Sind sie dabei auch auf positive Auswirkungen gestossen?

Christian Jaag: Die gibt es tatsächlich. Wir werden schliesslich weniger heizen müssen. Heute fliesst rund ein Drittel des Energiebedarfs ins Heizen. Je nach Szenario werden wir zwischen zehn und dreissig Prozent dieser Heizenergie einsparen können. Auch die kältebedingten Schäden an Strassen werden abnehmen. Die sind in der Schweiz durch die häufigen Frier-Tau-Zyklen gravierender als die hitzebedingten Schäden. Vielerorts in Europa wird deshalb insgesamt mit einer Reduktion der temperaturbedingten Kosten im Strassenunterhalt gerechnet. Das gilt auch für die Schweiz.

 Was hiesse das in Zahlen?

Für die Schweiz gibt es noch keine konkreten Zahlen zu den temperaturbedingten Kosten bei den Strassen. Überträgt man jedoch die Ergebnisse europäischer Studien auf die Schweiz, ist damit zu rechnen, dass bei einer Temperaturerhöhung von zwei Grad die zusätzlichen hitzebedingten Schäden auf den Strassen zwischen 2040 und 2070 bei rund 1,5 Millionen Franken jährlich liegen. Die kältebedingten Schäden gehen um rund 2,5 Millionen Franken pro Jahr zurück. Insgesamt nehmen die Kosten dort also ab.

Schauen wir den Transportsektor doch noch genauer an. Welche Investitionen werden dort bis 2040 klimabedingt nötig?

Hier werden die grössten Schäden durch Extremereignisse zu erwarten sein, die der Klimawandel ebenfalls mit sich bringt. Hauptsächlich werden Strassen und Schienen abseits der Hauptachsen betroffen sein. Schutzmassnahmen können die Schäden allerdings teilweise vermindern

Wie lange kann man mit den Massnahmen zuwarten?

Es ist absolut sinnvoll, schon heute Ersatzinvestitionen, die ohnehin anfallen, beispielsweise neue Strassenbeläge, so auszuführen, dass sie auf wärmere Temperaturen ausgerichtet sind und Extremereignisse besser aushalten können.

Wie sieht es bei der Schiene aus?

Bei der Bahn wird der Klimawandel mit den zunehmenden Extremtemperaturen vor allem Geschwindigkeitsreduktionen erfordern, um Schienenverformungen vorzubeugen. Hier entstehen Kosten also vorrangig durch die Verspätungen und bei den Bahnkunden. Seitens der Infrastruktur selber ist die Bahn eher durch die zunehmenden Extremereignisse betroffen, die der Klimawandel mit sich bringt. Baulich geht es daher eher beispielsweise um Kunstbauten in künftig steinschlaggefährdeten Gebieten, um Überschwemmungsschutz oder die Wiederherstellung nach Sturmschäden.

Die extremen Wetterereignisse werden zunehmen. Was erwartet uns da?

Der Sturm Lothar hat allein bei der Schiene durch Räumungs- und Reparaturarbeiten sowie Umsatzverluste 66 Millionen Franken gekostet. Man geht davon aus, dass ein solcher Jahrhundertsturm künftig alle fünfzig Jahre auftritt. Auch die extremen Hochwasser werden in ihrer Häufigkeit zunehmen. Solche Schätzungen zur Eintretenshäufigkeit von Extremereignissen sind allerdings mit grossen Unsicherheiten behaftet. Die Hochwasser im August 2005 haben allein auf der Schiene 73 Millionen Franken gekostet. Überflutungen werden auf der Schiene 2060 im Erwartungswert jährliche Zusatzkosten von 5,4 Millionen Franken verursachen, Extremstürme 4,3 Millionen Franken.

Welche Auswirkungen erwarten Sie in der Energieversorgung?

Einerseits gibt es direkte Schäden, etwa durch Überschwemmungen wegen der zunehmenden Starkregenereignisse. Auch diese Auswirkungen können durch bauliche Massnahmen abgefedert werden. Die Leistung von Kernkraftwerken muss reduziert werden, wenn das Kühlwasser zu warm ist. Das ist jedoch nur noch mittelfristig von Bedeutung, da sie ja alle vom Netz gehen werden.

Natürlich werden auch die Wasserkraftwerke, die uns mehr als die Hälfte unseres Stroms liefern, weniger produzieren können, wenn es künftig weniger regnet. So lange allerdings Gletscher schmelzen, werden wir bei der Wasserkraft teilweise nicht einmal mit Rückgängen rechnen müssen. Wenn man so will ist wäre das anfangs ein positiver Effekt des Klimawandels. Selbstverständlich wird es mehr alternative Energien brauchen. Dieser Ausbau kann nicht mehr warten.

Wie wird die Energieversorgung sichergestellt?

Bei der Nachfrage nach Elektrizität wird es zu Verschiebungen kommen. Es wird weniger geheizt und mehr gekühlt werden müssen. Die Stromproduktion muss im gleichen Rhythmus erfolgen wie der Verbrauch. Wir werden davon profitieren, dass die Photovoltaik ihre Produktionsspitze dann erreicht, wenn es im Sommer den höchsten Kühlbedarf gibt. Noch ist hier viel zu wenig erforscht, wie die Netzstabilität und die Versorgungssicherheit unter veränderter Angebots- und Nachfragestruktur gewährleistet werden kann.

Nicht nur die Wasserkraftwerke werden weniger Wasser haben, auch unsere Wasserversorgung ist betroffen. Welche Massnahmen stehen hier an?

Dem Trinkwassermangel im Sommer wird man durch den Bau von Reservoirs vorbeugen können. Die sommerlichen Hitzeperioden werden bekanntlich immer länger werden und der Niederschlag unregelmässiger. Andererseits muss die Kanalisation den zunehmenden Starkregenereignissen gewachsen sein.

Ihr Fazit?

Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Schweizer Infrastrukturen in der Schweiz sind für mich überraschend vielfältig. Die Studien dazu sind jedoch noch sehr uneinheitlich und lückenhaft. Wir wissen noch vieles nicht. Vermutlich sind die direkten Effekte auf die Infrastrukturen geringer als man spontan erwarten würde.

Lässt sich das in Zahlen ausdrücken?

Wenn wir von jährlichen Auswirkungen im Milliardenbereich ausgehen und das Schweizer Bruttoinlandprodukt als Referenz nehmen, sieht es so schlimm nicht aus. Es beträgt rund 700 Milliarden Franken und wächst langfristig um etwa zwei Prozent pro Jahr. Da entsprechen Ausgaben, die durch die Auswirkungen des Klimawandels auf die Infrastrukturen nötig werden, einem Wachstumsstopp während eines Monats.

Dieser Vergleich ist natürlich stark vereinfachend, da wir alle als Steuerzahler, Eigentümerinnen von Infrastrukturen und Infrastrukturnutzer sehr unterschiedlich betroffen sind. Und als regenreiches Binnenland bleibt die Schweiz vor den schlimmsten direkten Auswirkungen des Klimawandels verschont. In Küstennähe oder in Ländern, die bereits heute heiss und trocken sind, sähe die Rechnung anders aus.

Zur Person

Christian Jaag, Swiss Economics.

Christian Jaag (*1976) ist Gründer von Swiss Economics und dort auch Konsulent. Er hat Lehraufträge an der Universität Zürich sowie an der ETH Lausanne. 2001 hat er sein Ökonomiestudium an der Universität St. Gallen abgeschlossen, 2006 seine Dissertation. 2008 gründete er Swiss Economics und berät seither Unternehmen und die öffentliche Verwaltung in regulatorischen, wettbewerbsökonomischen und wirtschaftspolitischen Themen. In seiner Freizeit baut er mit seinen beiden Kleinkindern, wie er mit Augenzwinkern erzählt, «klimaresistente Duplo-Schlösser». (ava)


 

Isolation geht zu langsam voran

Bei der Isolation und Heiztechnik geht der Umbau laut der Swiss-Economics-Studie viel zu langsam voran. Es braucht mehr Ehrgeiz, um die Ziele der Energiestrategie 2050 zu erreichen. Auch veraltete Verordnungen und Gesetze hemmen den Ausbau.

Isolation wird in der Studie nicht ausgewiesen. Laut Christian Jaag hat dies einen einfachen Grund: «Der Klimawandel hat in der Schweiz keine Auswirkung, die zusätzliche Isolation nötig machen würde. Es wird im Sommer heisser und im Winter weniger kalt. So gleicht sich der Bedarf an Isolation weitgehend aus.» Das ändere selbstverständlich nichts daran, dass Isolation – unabhängig vom Klimawandel – absolut sinnvoll sei. Dennoch geht es zu zögerlich voran, hält das Nationale Forschungsprogramm «Energie NFP 70» fest: «Jährlich wird in der Schweiz nur etwa eines von hundert Häusern energetisch saniert. Dies sind nicht einmal halb so viele wie nötig wären, um die Ziele der Energiestrategie 2050 im Gebäudebereich zu erreichen.»

Fachkräftemangel

Es fehle vor allem an zeitgemässen Planungs-, Bau- und Energiegesetzen sowie an Wissen bei Fachleuten. «Technisch sind die Ziele der Energiestrategie 2050 im Gebäudebereich schon heute erreichbar: Wärmepumpen, Holzfeuerungen, industrielle Abwärme und Sonnenkollektoren könnten Heizwärme und Warmwasser erneuerbar oder CO2-neutral bereitstellen», sagt Hans-Rudolf Schalcher, Präsident der Leitungsgruppe des NFP 70. «Gebäudeintegrierte Photovoltaik kann auch in der Schweiz mehr Strom erzeugen, als der Gebäudepark benötigt. Zudem lässt sich mit einer intelligenten Steuerung von Energieangebot und -nachfrage die Energieeffizienz des Gebäudeparks wesentlich erhöhen.»

Überschwemmungen wegen Starkregenereignissen werden auch in der Schweiz zunehmen und vor allem Nebenstrassen betreffen. 
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Markus Distelrath/Pixabay

Überschwemmungen wegen Starkregenereignissen werden auch in der Schweiz zunehmen und vor allem Nebenstrassen betreffen. 

Verordnungen nicht mehr zeitgemäss

Die Technik wäre vorhanden, bei der Realisierung hapert es jedoch beträchtlich. Die Quote für die energetische Sanierung der bestehenden Bausubstanz beträgt lediglich rund 1 Prozent pro Jahr. Nötig wäre eine mindestens doppelt so hohe Quote: «Die heutigen Gesetze und Verordnungen entsprechen nicht mehr den aktuellen Anforderungen und Möglichkeiten», so Schalcher. «Die Kantone müssen ihre Planungs-, Bau- und Energiegesetze auf die rasche und wirtschaftliche Umsetzung der Energiestrategie 2050 fokussieren und die Bewilligungs- und Genehmigungsverfahren vereinfachen. Das gilt besonders für die nächste Revision der Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MuKEn) und deren konsequente Umsetzung. Diese sollten sich auf wenige, klar definierte und verständliche Zielwerte konzentrieren.» (snf/ava)

Weitere Informationen: www.nfp-energie.ch

Autoren

Freie Mitarbeiterin für das Baublatt.