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Wohnen im Lagerhaus

Wo derzeit graue Industriegebäude stehen, soll bald ein neues Stadtquartier realisiert werden. Den Auftakt macht das Transitlager. Auf 22 000 Quadratmetern sollen hier Wohnungen, Büros und Läden entstehen. Den Zuschlag für den Studienauftrag erhielt der dänische Architekt Bjarke Ingels mit seinem Büro BIG.
 
 
Nachgefragt bei Kai-Uwe Bergmann. Er ist Associate Partner und Verantwortlicher für den Bereich Business Development des Architekturbüros Bjarke Ingels Group (BIG).

Das Transitlager ist eigentlich ein Lagerhaus. Wie haben Sie geschafft, aus dem Gebäude ein attraktives Wohnhaus zu schaffen?
Wir schlagen eine Transformation des Transitlagers vor, die auf die industrielle Logik der Umgebung und des Bestehenden Gebäudes aufbaut. Die Erweiterung verdoppelt die Grösse des ursprünglichen Gebäudes und wird zu dessen gegensätzlichen Zwilling. Basierend auf dem gleichen Tragwerk hebt dieser sich durch unterschiedliche Geometrie und Gestaltung ab. Zusammen schaffen beide Gebäudeteile optimale Bedingungen für offene, flexible Grundrisse und massgeschneiderte Wohneinheiten, von öffentlichen Nutzungen bis zu privatem Wohnen. Ein Spektrum von lebhaft-urbanem Raum und friedvollen Gärten, von industriell und kalt bis zu warm und veredelt.
 
Auch die Umgebung ist von der Industrie geprägt. Ist das nicht ein bisschen trostlos, um dort zu leben?
Im Jahr 2002 haben die Basler Architekten Herzog & De Meuron das Potenzial des Dreispitz in einer städtebaulichen Studie untersucht. Das Ziel ihrer «Vision Dreispitz» beinhaltet die Transformation des heutigen abgeschlossenen und trennend wirkenden Areals in einen lebendigen und urbanen Teil der Agglomeration. Hinzu kommt, dass das Transitlager Dreispitz sich an zentraler Lage im künftigen Kunstfreilager befindet – als Teil eines Clusters von neuen und alten Gebäuden, der für Galerien, Restaurants und Räumen für die Kreativbranche bestimmt ist. Anstatt des klassischen Gemeinschaftsbereiches im umschlossenen Innenhof mit begrenzten ausblicken und Sonnenlicht, schlagen wir einen gemeinschaftlichen Garten auf höhe eines Penthouse-Geschosses vor. Damit schaffen wir sozusagen ein Penthouse für das Volk!
 
Was macht die Attraktivität der Wohnungen aus?
Der Quartierplan Kunstfreilager erlaubt im Maximum eine dreigeschossige Aufstockung. Das neue Volumen wird in fünf Abschnitte mit neuen, zentralen Erschliessungskernen unterteilt. Jeder Abschnitt wird gedreht um grosszügigen Tageslichteinfall für alle Wohnungen zu ermöglichen. Das Anpassen der Volumen an das bestehende Stützenraster schafft ein wirtschaftliches Tragsystem. Die beiden Endabschnitte werden der form des Transitlagers spitz zulaufend angepasst. Das resultierende Volumen ermöglicht Wohneinheiten mit maximalen Sonneneintrag. Durch Oberlichter werden die tiefsten Zonen des Ateliergeschosses von oben belichtet. Die verbleibenden Dachflächen werden zu Dachgärten mit Blick über den Dreispitz. Zwei verschiedene Fassadensysteme werden auf das zusammengesetzte Gebäude angewandt. Alle Dachflächen sind begrünt. Sie erhöhen die Biodiversität und kompensieren die Flächenversiegelung.
 
Was für Zielgruppen werden angesprochen?
In dem das ehemalige Lagergebäude in mehrere multifunktionale Geschosse für vielfältige Nutzungen transformiert wird, erzeugen wir eine Kreuzung aus Kunst und Kommerz, Leben und Arbeiten. Zwei aufeinanderliegende Volumen mit jeweils eindeutiger Ausprägung schaffen ein hybrides Gebäude mit vielfältigen Nutzungen, welches 24 Stunden am Tag aktiv ist. Der Bau bietet eine simple und ökonomische Materialpalette, die sich genauso für Künstlerateliers wie auch für noblen Luxus eignet.
 
Eine Schule soll auf dem Dreispitz ja nicht gebaut werden. Eignet sich der Wohnort auch für Familien?
Sobald die existierenden Innenwände entfernt werden, bietet das Gebäude flexible Grundrisse und aussergewöhnlich hohe Betonqualität im Bestand. Dadurch, dass die Innenraumwände minimal und die Installationen einfach gehalten werden, wird ein Gebäude geschaffen, das sich für Ateliers, Werkstätten und Büros der Kreativbranche anbietet sowie Familien, die mit Kunst oder Kreativität zu tun haben. Die Loftwohnungen verfügen über einen grosszügigen Wohn-und Arbeitsbereich entlang faltbar-öffnenbaren Fensterbändern. Die Loftwohnungen können mit den darunterliegenden Ateliers verbunden werden, wodurch attraktive Wohn- und Arbeitseinheiten geschaffen werden, die sich von Fassade zu Fassade erstrecken können. Balkone, die sich jeweils über die gesamte Breite der Wohnung erstrecken verschaffen jedem Zimmer einen Zugang zum Aussenbereich. Die grössten Einheiten liegen am jeweiligen Ende des Gebäudes und schweben in einer schiffartigen Spitze über dem Dreispitz. Die meisten Wohnungen verfügen über Ecköffnungen und bieten so einen Panoramablick über den Dreispitz und das Umland aus dem Wohnbereich. Alle Wohnungen verfügen über Tageslicht aus zwei Richtungen bis auf einen Typus, der nach Westen ausgerichtet ist. Wir schlagen eine Erweiterung vor, die mit minimalen Eingriffen in die existierende Struktur eine maximale Funktiondiversität bietet.
 
Welches waren die Herausforderungen bei der Planung des neuen Wohnhauses?
Die grösste Herausforderung war die Tiefe des ehemaligen Lagergebäudes. Das haben wir durch die Mischnutzung, die Beschränkungen des Tragwerks sowie die Ausrichtung zum Sonnenlauf überbrückt, um eine Typologie, die weder Einzelhaus noch Wohnblock ist, und eine gefaltete Struktur, die den Besonderheiten des Bestehenden Gebäudes angepasst ist und gleichzeitig nach Tageslichteinfall und Ausblicken optimiert ist, zu erhalten.
 
Was gefällt Ihnen persönlich am besten am Projekt?
Die Chance in einer Stadt zu operieren, die überfüllt ist mit einigen der weltbesten Architekten – junge aufstrebende, sowie alte erfahrene – wirkt gleichzeitig einschüchternd und motivierend. Schnell kann man sich für die Stadt begeistern, in der Architektur mit der Präzision eines Uhrwerks zelebriert wird. (ffi)
 

 
Dreispitz

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