Die rund 50 Meter lange Holzkonstruktion «House 2» unter dem Viadukt in Zürich. (Bild: Pascale Boschung)
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Ein Holzhaus unterm Viadukt


23.06.2017

Unter dem Eisenbahn-Viadukt beim Toni-Areal in Zürich stand bis Mitte Juni ein Holzhaus der besonderen Art. Von rund 200 Architekturstudenten der ETH Lausanne (EPFL) gestaltet und gebaut, soll das 50 Meter lange «House 2» zeigen, dass sich Verdichtung und Veränderung positiv auf die Stadt auswirken können.


Die Holzstruktur unter dem Viadukt:  In der Mitte der Konstruktion befindet sich  die Treppe ins «Nichts». (Bild: Pascale Boschung)

Wie kann man den Bewohnern einer Stadt aufzeigen, dass eine Veränderung von Raum positiv sein kann? Das ist eine der vielen Fragen, die sich hinter der Idee des grossen Forschungsprojektes «Counter City» (siehe Kasten unten) des Departements Design der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und der Stadt Zürich verbergen. Teil dieses Projektes ist auch das «House 2», das unter der Leitung von Professor Dieter Dietz entwickelt und unter dem Eisenbahn-Viadukt beim Toni-Areal für Besucher zugänglich war. Die Idee dahinter: ein rohes Holzhaus an einem öffentlich zugänglichen Ort zu schaffen und so aufzuzeigen, wie urbane Räume gestaltet und genutzt werden können. Das Besondere daran: Der Bau des Holzhauses fiel rund 200 Architekturstudenten der EPFL zu. Sie erhielten damit die schwierige Aufgabe, gemeinsam ein Haus mit 14 Räumen zu gestalten und selbst zu errichten.

Von der Idee zum Projekt

Bei der Entwicklung und dem Bau des «House 2» wurden die Studenten vom Atelier de la conception de l’espace (ALICE), einem Labor für Entwurf, Konstruktion und Forschung im Bereich Architektur an der EPFL betreut. «Wir sind verantwortlich für den ersten Jahreskurs im Bereich Projekte», erklärt EPFL-Professor Dieter Dietz, Leiter von ALICE. «Jeder Student, der an der EPFL Architektur studiert, kommt zuerst zu uns.» Und so ist das Bildungsprojekt «House 2» Teil der Architekturausbildung. Es soll den Studenten Erfahrungen aus erster Hand bieten – von der Planung bis zum fertigen Projekt. Grundsätzlich waren sie in der Gestaltung des Holzhauses frei, einzig die Protostruktur war vorgegeben. «Ohne Anfangspunkte und Ideen wäre das Projekt um einiges länger gegangen. Die einzelnen Räume der Studenten sollten sich danach einfügen und das Haus erst stabil machen», führt Dietz aus. Zur Entwicklung der einzelnen Räume teilten sich die Studenten in 12 Studios à 15 Personen auf. Eine schwierige Herausforderung dabei war, dass alle Projekte untereinander verbunden werden mussten. «Schlussendlich müssen die Räume und deren Konzepte miteinander funktionieren, damit es am Ende ein Haus ergibt», erklärt der Professor. Dazu bedurfte es viel Koordination zwischen den Studenten. Die einzelnen Studio-Projekte waren regelrechte Verhandlungszonen und beeinflussten sich in der Planung gegenseitig. Die Ideen der rund 200 Architekturstudenten waren vielfältig: Sie reichten von einer Bar, über einen künstlerischen Projektionsraum, sowie einem Hightech-Konferenzzimmer bis hin zur speziellen Ruhezone. Die Dokumentation aller Ideen und Projekte findet sich auf dem Blog aliceblogs.epfl.ch, der von den Studenten seit Beginn mit ihren Entwicklungen und Plänen befüllt wurde. «Dort sieht man, dass viele Ideen dabei waren, die nicht realisiert wurden», erklärt Dietz. Das Ganze sei aber kein Wettbewerb gewesen, betont er, sondern ein gemeinsames Entwickeln der Studenten.


Das Innere des Pool-Raumes:  Die beiden Wasserbahnen dienen als Trennlinie. (Bild: Bild: © EPFL /  ALICE)

Ein Leuchtfeuer und Emotionen

Das fertige «House 2» besteht nun aus rund 22 Tonnen Holzlatten und umfasst eine 50 Meter lange Wand mit zwölf verschiedenen Räumen und zwei abgespaltenen Projekten. Auf der einen Seite der Struktur macht ein Bartresen den Anfang. Er soll Fussgänger dazu animieren, sich hier zu treffen, zu essen und zu trinken. Der gerade Durchgang führt weiter durch das Gebilde, in einen Raum, in dem sich zwei Wasserbahnen befinden. Eine vorspringende Kurve auf der linken Seite sorgt für Reflektionen, die sich auf dem Boden verteilen. Die beiden Wasserbahnen in der Mitte des Raumes dienen als Trennlinie, die die Stufen des Weges markieren.

Damit der Besucher bei den verschiedenen Niveaus der Räume nicht den Überblick verliert, hebt eine Reihe von Scheinwerfern den stetigen Rhythmus der Struktur von «House 2» hervor. Dabei markieren Lichter im Boden den Weg und weisen gleichzeitig auf die spezielle Topographie der Struktur hin. Fährt zudem ein Zug über das Viadukt, flackert ein einziges Licht auf und versinnbildlicht ein kleines Leuchtfeuer.

Das Highlight der gesamten Konstruktion bildet die grosse Treppe, die ins Nichts zu führen scheint. Die architektonische Konstruktion, die sich aus einer regelmässigen Abfolge von Schritten zusammensetzt, reicht bis hin zum rohen, grauen Viadukt-Bogen. Nach der Idee der Studenten soll die Treppe nicht nur als Durchgang zwischen zwei Ebenen fungieren, sondern selbst zum Raum werden, der ebenfalls bewohnbar ist. Der diagonale Aufstieg soll zudem für Emotionen sorgen: Schwindel, Bewunderung und Erschöpfung.


Die Treppe die ins Nichts zu führen scheint, soll ebenfalls  als bewohnbarer Raum gesehen werden. (Bild: Pascale Boschung)

Unterstützung durch Industrie

Der gesamte Prozess der Gestaltung, Vorfabrikation und dem abschliessenden Bau der Konstruktion beanspruchte lediglich 14 Wochen. Was in dieser kurzen Zeit aber alles abgeklärt und gemacht wurde, ist beachtlich. «Natürlich war die Sicherheit das wichtigste beim Bau des ‹House 2›», sagt Dietz. Daher war es auch naheliegend, dass die SBB miteinbezogen wurden, kam das Projekt doch unter einer Eisenbahnlinie zustehen. «Mit der Feuerpolizei und den SBB mussten wir unter anderem abklären, wie im Brandfall das Viadukt nicht beschädigt wird. Dabei waren aber alle Beteiligten extrem konstruktiv», meint Dietz rückblickend. Speziell dankbar sei er aber für den grossen Support, die er und seine Studenten von der Industrie erfahren haben: Unter anderem hatte das Unternehmen Gétaz-Miauton SA für das Bildungsprojekt Holz gesponsert. Daneben steuerte Debrunner Acifer die benötigten Schrauben für die gesamte Konstruktion bei. «Wir wurden von sehr vielen Leuten grosszügig unterstützt. Ohne diese Mithilfe wäre es schwer geworden, das ganze Projekt alleine zu stemmen.»

Das «House 2» ist nicht das erste Bildungsprojekt dieser Art. Vor rund einem Jahr gab es bereits das «House 1», welches ebenfalls die Gestaltung eines rohen Holzhauses durch Studenten beinhaltete und damals noch auf dem Campus in Lausanne ausgestellt worden ist. «Für uns war klar, dass wir für dieses Jahr aus der Umgebung rauswollten», erzählt der leitende EPFL-Professor Dieter Dietz. Die ZHdK erklärte sich bereit, den Platz unter dem Viadukt beim Toni-Areal zu räumen und damit dem Bildungsprojekt einen Ort zu geben, an dem das «House 2» ein Gegenstück zur harten Fassade der Hochschule bilden konnte. Mit der Möglichkeit, das Projekt in Zürich zu präsentieren, war eine grosse Herausforderung verbunden: Die gesamte Struktur des Holzhauses musste für den Transport in sechs Containern verstaut werden. «Die Studenten testeten den Transport vorgängig an einem Teilstück der Protostruktur. Das klappte einwandfrei, sodass der Transport nach Zürich kein grosses Problem mehr bot», erzählt Dietz.

Für das «House 2» geht es jetzt, nach seinem Gastspiel in Zürich zurück in die Romandie. Alle Elemente werden abgebaut und in Lausanne West nochmals für drei Monate auf einer Brache mit Buvette aufgestellt. In diesem Zeitraum sind dort Konzerte und verschiedene Veranstaltungen geplant, an denen beispielsweise die Bar des Holzhauses zum Einsatz kommen soll. Im Oktober findet dann die lange Reise des «House 2» ein Ende: Die Konstruktion wird abgebaut und das Holz für das «House 3» wiederverwertet. (Pascale Boschung)

 
Der Mittelteil der rund 50 Meter langen  Holzkonstruktion «House 2» unter dem Viadukt beim Toni-Areal in Zürich. (Bild: Pascale Boschung)

Forschungsprojekt «Counter City»

Für das Forschungsvorhaben «Counter City» gehört die Zukunft des Zusammenlebens ganz klar den Städten, wie auf www.countercity.ch nachzulesen ist. Die Städte in der Schweiz verdichten sich immer mehr. Dies geschieht in einem kontinuierlichen und unaufhaltsamen Prozess, der aber laut den Entwicklern Jonas Voegeli, Dozent für visuelle Gestaltung, und dem Politologen Matthias Wyssmann, vom städtischen Hochbaudepartement, nicht negativ sein muss. Die Verdichtung soll also nicht als Problem, sondern als Chance wahrgenommen werden. Indem öffentliche Flächen wachsen, können sich Städte erneuern, neu definieren und im Endeffekt zu besseren Lebensräumen werden. Ein grosser Bestandteil der Aufgaben der Beteiligten bei «Counter City» stellt demnach die Suche nach Möglichkeiten dar, die die Verdichtung in visueller Art positiv vermitteln können. «Das Toni-Areal ist hierbei ein gutes Beispiel. Hier gehen täglich rund 5000 Studierende ein und aus. Es ist aber auch ein Ort der Leben bringt, generiert und in der heutigen Zeit immer mehr funktionieren sollte», so Dietz. Dafür steht auch das «House 2», welches das Forschungsprojekt erlebbar machen soll. (pb)

Weitere Infos unter: www.countercity.ch



 
 
  
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