Digitalisierung, Symbolbild (Marcus Stark, pixelio.de)
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Die Welt blickt auf Schlieren


24.07.2017

30 Experten aus der ganzen Welt besichtigten den Neubau des Spitals Limmattal in Schlieren ZH. Er gilt als leuchtendes Beispiel dafür, wie BIM Planung und Ausführung vereinfacht.

Was für eine saubere, aufgeräumte Baustelle! Fast schon klinisch sauber – als wären hier nicht mehr Bauarbeiter mit Bohrern, Hämmern und Sägen am Werk, sondern schon die Chirurgen mit ihren sterilen Schnittwerkzeugen. Dabei dauert es noch bis Ende 2018, bis das Spital Limmattal eröffnet wird und 200 Betten und fünf neue Operationssäle genutzt werden können. Vor fünf Jahren war Spatenstich, derzeit läuft der Innenausbau im sechsgeschossigen Baukörper, dessen massiges Volumen durch fünf Lichthöfe gebrochen wird. 30 Experten aus verschiedenen europäischen Ländern sowie Korea, China und Japan besichtigten kürzlich die Baustelle. Sie kamen aber nicht wegen der Sauberkeit, für die die Schweiz sonst so bekannt ist, sondern wegen BIM: Der Neubau gilt als Paradebeispiel für den fortgeschrittenen Einsatz von «Building Information Modeling». Eingeladen zur Baustellenbesichtigung hatte die Organisation «buildingSMART International».

Geheimnisvolle Quadrate

Auf der Baustelle hängen 5 × 5 Zentimeter grosse QR-Codes im Fenster eines jeden Zimmers. Man fragt sich, zu welchem Zweck die schwarz-weissen Quadrate angebracht wurden. Erhält man über den Code genaue Informationen zum eingebauten Fenster? Martin Peiner, BIM-Manager der Losinger Marazzi AG, die als Totalunternehmerin für den 215-Millionen-Bau verantwortlich zeichnet, erklärt: «Die QR-Codes werden mit ‹Finalcad› erstellt. So werden der Raum und seine Charakteristiken beim Einscannen der Codes automatisch erkannt. Kombiniert mit ‹Revit›, lässt sich dann genau nachvollziehen, wer wann welche Arbeit in dem Raum verrichtet hat. Der Raumplan erfasst zudem alle wichtigen Informationen über Materialanlieferungen und Baufortschritt eines jeden Akteurs.» Bei einem so grossen Gebäudevolumen vereinfache die digitale Aufzeichnung die Steuerung und Dokumentation des Baufortschritts enorm.

Futuristische Leitungen

Auch in den Versorgungsräumen wird der Nutzen von BIM praktisch erlebbar. Die Lüftungszentrale im Untergeschoss ist die grösste für ein komplettes Gebäude in ganz Zürich. Über Erdsonden wird die Warmwasseraufbereitung gewährleistet, und so queren und kreuzen sich unzählige Leitungen, Rohre und Tanks und schaffen eine futuristisch anmutende Industrieästhetik. Hält man ein Tablet vor die Versorgungsinstallationen, sind alle Leitungen farblich markiert im 3D-Modell sichtbar. «Durch die Virtual-Reality-Darstellung erhalten wir ein übersichtlicheres Bild, was für die Planung und Wartung von grossem Vorteil ist», so Peiner weiter.

Learning BIM by doing BIM

Seit 2012 experimentiert die Losinger Marazzi AG mit der Arbeitsmethode BIM. Mittlerweile kommt BIM bei ungefähr einem Drittel ihrer Projekte zum Einsatz. Dies entspricht zurzeit rund 20 Projekten. Pro Baustelle wird ein Architekt oder Ingenieur zum BIM-Koordinator ernannt, der die Daten verwaltet. Dabei wird unterschieden zwischen den 3D-Modellen und der Datenbank zur Projektsteuerung, die mit der Software «dRofus» verwaltet wird. Denn nicht jede neue Information ist für die verschiedenen Datenspeicher relevant.

Die 3D-Modelle sind in erster Linie für die beteiligten Architekten und Fachplaner wichtig, um Planungsfehler frühzeitig aufzudecken (clash-detection). Dagegen dient die Datenbank vor allem dem Projektmanagement und der Dokumentation. Dabei wird sie laufend mit den 3D-Modellen abgeglichen, um Abweichungen zu vermeiden. Die digitale Arbeitsmethode funktioniere aber nur, wenn alle Mitarbeiter «im Sinne von BIM denken und handeln», erklärt Damien Chevarin-Domitner, Verantwortlicher für das BIM-Management bei Losinger Marazzi. Statt zeitintensiver Schulungen setzt der Totalunternehmer auf das Credo «Learning BIM by doing BIM».

Mehr Potenzial

Die Bäder in den Patientenzimmern sind vorgefertigte Elemente. Von der Stange für den Duschvorhang bis hin zu den Armaturen und dem Badezimmerspiegel ist alles vorhanden. «130 Badezimmer wurden fertig gefliest und verputzt auf die Baustelle geliefert. Wir müssen sie nur noch ans Leitungssystem anschliessen.» Bei anderen Projekten von Losinger Marazzi werde die Anlieferung der Bauprodukte bereits getrackt. Die sei im Spital Limmattal aber noch nicht der Fall.

Mit BIM wäre aber noch viel mehr möglich. Beispielsweise sucht Losinger Marazzi aktuell nach einem Weg, um die BIM-Daten in das Facility-Management-System des Auftraggebers zu implementieren, und zukünftig soll auch der «eBKP» eingepflegt werden. Doch damit ist Losinger Marazzi nicht allein. Ein BIM-Experte aus Japan erzählt, er wäre in seinem Heimatland mit denselben Herausforderungen konfrontiert.

BIM nützt allen

Offensichtlich müssen immer noch einige Stolpersteine aus dem Weg geräumt werden, um den reibungslosen Einsatz von BIM zu garantieren. Und genau da setzt «buildingSMART» an. Die internationale Non-Profit-Organisation möchte neutrale, offene BIM-Standards («openBIM») etablieren, die allen Partnern durch eine effizientere und kollaborative Arbeitsweise messbaren Nutzen bringen, von der Planung bis zur Bewirtschaftung.

Dafür hat «buildingSMART» eine einheitliche Methodik zur Beschreibung von Prozessen definiert. Dank «open BIM» kann die Zusammenarbeit deutlich vereinfacht und Geld, Zeit und Aufwand eingespart werden. «Die Integration von BIM in unsere Baukultur nützt allen Beteiligten: Bauherren, Herstellern, Fachplanern und Architekten», fasst Antoine Rérolle, Leiter Engineering bei Losinger Marazzi, die Wichtigkeit der digitalen Planung zusammen.

Zahlen und Fakten

Standort: Urdorferstrasse 98, 8952 Schlieren

Architektur: BFB Architekten AG aus Zürich mit Brunet Saunier Architecture aus Paris

Totalunternehmer: Losinger Marazzi AG

Geschossfläche: 48 500 Quadratmeter

Nutzfläche: 25 300 Quadratmeter

Gebäudevolumen: 205 000 Quadratmeter

Gesamtkosten: 215 Millionen Franken

Planung und Realisierung: Februar 2012 bis Oktober 20182019: Abriss des alten Gebäudesbis 2030: zusätzliche Erweiterungsbauten geplant; im September letzten Jahres fand in Paris die Preisverleihung des «BIM d’Or 2015» der Fachzeitschrift «Le Moniteur» für die beste Verwendung der Gebäudedatenmodellierung BIM und des digitalen Modells statt. Der Neubau des Spitals Limmattal wurde in der Kategorie «Internationale Projekte» zum Sieger gekürt. (Katharina Weber)



 
 
  
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