Hotelturm (Visualisierung pd)
Anzeige

Valser Turm sorgt für rote Köpfe


30.03.2015

An Remo Stoffels Mega-Projekt für das beschauliche Vals scheiden sich die Geister: Während einige (wenige) den 380-Meter-Turm eigentlich ganz schön finden, regen sich andere (viele) auf. „Irrsinn“ oder „Vergewaltigung der Landschaft“ nennen sie das geplante Hotel.

Die meisten Hotel-Projekte geistern höchstens einen Tag in den Medien umher und generieren – wenn überhaupt – auch nur wenige Kommentare auf Online-Plattformen. Nicht so der geplante Hotelturm im bündnerischen Vals. Er sorgt für rote Köpfe und generiert für blick.ch, bilanz.ch, baunetz.de und Co. haufenweise Klicks. Eigentlich auch kein Wunder, haben erste Visualisierungen des amerikanischen Stararchitekten Thom Mayne doch eingeschlagen wie eine Bombe. Immerhin hat er ja auch einen Turm entworfen, der sage und schreibe rund 380 Meter in die Höhe ragen soll; und das bei einer Grundfläche von gerade mal 18 Mal 31 Metern. Bauen will ihn der Valser Immobilienunternehmer Remo Stoffel. 300 Millionen Franken möchte er dafür ausgeben – aus eigenen Mitteln respektive denen der von ihm kontrollierten Priora AG. Würde der gigantische Turm tatsächlich gebaut werden, wäre er der höchste in Europa.

„Spinnerei“

Stoffel rührt mit der ganz grossen Kelle an und wirft mit Superlativen um sich. Und das tun auch viele, die die zahlreichen Berichterstattungen zur Projektvorstellung letzte Woche gelesen haben. „Irrsinn“, „Verbrechen“ und „moderne Vergewaltigung einer bezaubernden Landschaft“ steht in den Kommentaren. Ob denn schon der 1. April sei, fragen sich einige. Andere wollen wissen, was Stoffel und sein Geschäftspartner Pius Truffer denn geraucht haben. „Ich denke, das war starker Stoff, würde ich auch gerne mal probieren! Halluzinationen?“ Oder: „Komplette Spinnerei! Weiss nicht, was solche Menschen täglich konsumieren, aber es tut ihnen augenscheinlich nicht gut.“ Die Ideen, was aus der Schweiz werden soll, würden immer absurder. Den Schreiber würde es „nicht wundern, wenn bald der nächste Spinner meint, in Bern das Kapitol oder am Zürichhorn die Freiheitsstatue aufzustellen!“ Er betet zu Gott, dass er uns vor solchen „Rettern“ bewahren soll. Ein anderer fühlt sich durch die Geschichte an eine „moderne Version des Rattenfängers von Hameln“ erinnert. Nur habe er hier einen Gehilfen aus dem Ort. Zwar versuchten sich die beiden nicht an Kinder heranzumachen, aber ihnen die Zukunft zu zerstören. Ein weiterer Schreiberling vergleicht Stoffel mit einem Hai: „Irgendwie wäre es ja schon fast witzig, wenn dieser undurchsichtige Immobilienhai Stoffel bei der (sehr tiefen) Gründung dieses Wolkenkratzers seiner eigenen Therme das Wasser abgraben würde. Dann sässe dieser Hai ohne Wasser im Becken, und Herr Zumthor stünde am Beckenrand grinsend daneben!“

„Wahrzeichen“

Aber es gibt auch positive Stimmen, die in dem Prestigeprojekt eine Chance für den Bergtourismus sehen. „Seid nicht immer gegen alles Neue. Wenn es Gäste hat…“ Der Turm sei ein Aushängeschild und eine Attraktion, wie die Therme. „Bravo den Investoren“, schreibt einer. Ein anderer findet, dass es heute „eindeutig zu viele Bünzlis hat“. Sie seien gegen alles Neue, schon bevor sie die Projekte jeweils im Detail kennen würden. „Der Hammer finde ich, wenn Gruftis gegen Projekte sind, deren Gegenwart sie niemals erleben werden.“ Der Schreiber sieht „überhaupt nicht, wo dieser Turm die Landschaft verschandelt“. Ein anderer fragt: „Weshalb soll in den Alpen nicht in die Höhe gebaut werden? Die Berge ragen ja auch in den Himmel.“ Und der Tourismus sei nun mal dazu verdammt, Besucher und Umsatz zu generieren. Und so ein Turm zwischen den hohen Bergen könne durchaus ein Touristenmagnet und ein Wahrzeichen für einen innovativen Schweizer Tourismus sein. „Mehr oder weniger hässliche Häuser gibt es hingegen an den Alpenhängen mehr als genug.“ Es sei höchste Zeit, ein übersättigtes „Bünzli-Konzept“ aufzugeben und Mut hin zu Neuem zu haben. Ein weiterer Leser meint, dass der Turm durchaus ins Landschaftsbild passen würde, nicht zuletzt, weil er sehr leicht erscheine, „weil durch die Fassadenverspeigelung sich Himmel und Landschaft fast nahtlos in die optische Wirkung einfügt“.

„Luftschloss“

Aber nicht nur Laien, auch Experten lassen sich über Stoffels Projekt aus. Pietro Beritelli, Vizedirektor des Instituts für Systemisches Management/Public Governance der Uni St. Gallen, meint gegenüber dem St. Galler Tagblatt etwa, dass der Turm nicht fertig gedacht sei. „Vals hat nur eine Therme, hat kein riesiges Wellness-Zentrum, und es ist keine Stadt.“ Diesem Projekt fehle das Angebotskonzept. Man wisse nicht, was in diesem Hotel alles stattfinden solle, damit jemand aus dem weiten Ausland ein oder zwei Nächte bleibt und einige tausend Franken für eine Nacht ausgebe.

Raimund Rodewald geht es eher um Sicherheit und vor allem um die Landschaft. Der Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz spricht in der „Hotelrevue“ von einem „reinen Luftschloss“, das aus verschiedenen Gründen nicht realisierbar sei, unter anderem aus Sicherheitsgründen im Fall eines Brandes oder wegen der Gefahr von Erdbeben. Mit seinem „Dubai-Turm“ gehe Stoffel zurück in die 60er-Jahre, als Hochhäuser in den Alpen geplant waren. Auch in Bezug auf die Raumgesetzgebung sieht Rodewald Probleme. Denn Bauten müssten sich gemäss Gesetz ins Ortsbild der Landschaft einfügen, was in Berggebieten wichtig sei. „Das Valser Hochhaus würde diese Vorlagen in keiner Art und Weise erfüllen.“

Auch Architekturkritiker Bernhard Loderer hält vom Projekt „wenig“, wie er kürzlich in einem Interview mit „Der Bund“ sagte. Er habe den Eindruck, dass „Herr Stoffel ein windiger Investor ist und der Bau nicht kommen wird“.

„Wahnsinn“

Aber was sagen eigentlich jene Menschen, die ganz direkt vom Turm zu Vals betroffen sind – die Valser selbst? Sie sind es ja schliesslich, die das Megaprojekt an der Urne bewilligen oder bachab schicken können. Offenbar herrscht Unbehagen in der 1000-Seelen-Gemeinde. Während die einen überhaupt nicht darüber reden mögen, ist der Turm für andere sehr wohl ein Thema. Blick.ch hat sich am Stammtisch im Dorf umgehört. „Wir wollen diesen Wahnsinn nicht“ und „Das Dorf wird zur Sau gemacht“, werden Einheimische zitiert. Nur einer freut sich auf den Turm. „Die sollen nur kommen. Der Rubel muss rollen“, sagt er.

Und der Gemeindepräsident? Man müsse nun in Ruhe alle Fragen diskutieren, sagt Stefan Schmid. Den Schutz der Petersquelle, den Schattenwurf, den Lärm. Zeit dafür sei genug. „Das da unten“, meint er zu blick.ch und zeigt in Richtung Therme, „war immer eine eigene Geschichte.“ Wie wahr – und Fortsetzung folgt… (mt/pd)