Schreibmaschine, Schmuckbild. (Bild: libertyslens, Flickr, CC)
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Kolumne zum Donnerstag: Überlassen wir's nicht der nächsten Generation


18.05.2017

In der Kolumne zum Donnerstag schreiben Exponenten der Branche über das, was sie bewegt. Heute ist es Thomas Müller, Kommunikationsberater des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA).

Es gibt viel zu tun – packen wir's an.» Diesen Werbeslogan entwickelte der Erdölkonzern Esso im Anschluss an die Ölkrise 1973. Er müsste, so antiquiert er uns auch vorkommen mag, heute wieder belebt und zur globalen Aufforderung werden. Allerdings nicht mehr, wie in den 70er-Jahren zur Steigerung der Ölfördermenge – nein, im Gegenteil – zu deren Verringerung, konkret, und um sogar noch weiter zu gehen zur Substituierung aller fossiler Brennstoffe mit erneuerbaren Energiequellen.

Wie wichtig es gerade für unser Land ist, dass die ganze Welt die Substitution nun endlich entschieden angeht und wir deshalb mit gutem Beispiel vorausgehen sollten, das hat eine Studie der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften (SATW) im letzten Jahr verdeutlicht. Gemäss dieser hat sich die global ermittelte Temperatur seit dem Beginn der Industrialisierung um 0,85 Grad Celsius erhöht. In der Schweiz ist es im gleichen Zeitraum um 1,8 Grad wärmer geworden. Und so müssen wir gemäss SATW – selbst wenn das Pariser Klimaziel, sprich bis Ende des Jahrhunderts eine Begrenzung der globalen Erwärmung bei 2 Grad Celsius, erreicht werden sollte – in der Schweiz mit einem mittleren Temperaturanstieg auf bis zu 3,5 Grad Celsius rechnen. Das wäre dann keine erhöhte Temperatur mehr – das wäre hohes Fieber.

Um uns etwas Zeit zu verschaffen in der nun in erster Priorität zu bewältigenden Substitution fossiler Energiequellen, sollten wir die Atomkraft noch kurzfristig nutzen können. Auch sie bringt aber Emissionen mit unwägbaren Risiken mit sich. Laut dem weltweit bekannten ETH-Professor und Verfasser des Buches «Kraftwerk Schweiz», Anton Gunzinger, wurde Beznau I, der heute weltweit älteste noch betriebene Atommeiler, so gebaut, dass durchschnittlich alle 300 Jahre ein Unfall passieren könnte. Zum Vergleich seien die Anforderungen an Eisenbahnsysteme so, dass die Eintretenswahrscheinlichkeit bei einem Unfall in über 100 000 Jahren liegt, also rund 300 Mal geringer als bei Beznau I ist. Auch wenn Atommeiler jüngeren Datums sicherer sein mögen als Beznau I, ist die Kernenergie so schnell wie möglich zu ersetzen, zum Beispiel durch Sonnen-, Wind- und Geothermikenergie.

In der Sache «Energiewende» bis dato in der Schweiz gelebt wurde aber eher eine zynische Parodie des Esso-Slogans, nämlich: «Es gibt viel zu tun – überlassen wir's doch der nächsten Generation.» Am 21. Mai können wir das ändern – mit einem Ja zum neuen Energiegesetz. Die zukunftsfähige Umgestaltung unseres Energiesystems muss entschieden angegangen werden. Die Klimaer- wärmung und das Risiko Atomenergie lassen keine längeren Schneckentänze mehr zu.