Schreibmaschine, Schmuckbild. (Bild: libertyslens, Flickr, CC)
Anzeige

Kolumne zum Donnerstag: Keine falsche Stärke vortäuschen


20.04.2017

In der Kolumne zum Donnerstag schreiben Exponenten der Branche über das, was sie bewegt. Heute ist es Benedikt Koch, Direktor des schweizerischen Baumeisterverbands.

Neulich habe ich am Kiosk eine Zeitschrift durchgeblättert. Mein Interesse geweckt hat nicht nur die 670-PS-Maschine auf dem Titelbild, beworben mit den markigen Worten «zugstarker Platzhirsch», sondern auch der selbstbewusste Name des Hefts: «Stark». Welcher Wirtschaftszweig schafft es, auf 100 Seiten seinen Maschinenpark so spektakulär ins Zentrum zu rücken, dass selbst Vertreter anderer Branchen das Heft begeistert durchblättern? Natürlich die Landwirtschaft.

Dass die Schweizer Bauern so stark auftreten können, haben sie auch uns Steuerzahlern zu verdanken. Jedes Jahr gibt der Bund drei Milliarden Franken für die Landwirtschaft aus. Dabei hat die Schweiz schon Anfang der 90er-Jahre aufgehört, Preise, Produktionsmengen und sogar Bauernlöhne planwirtschaftlich festzulegen. Als Auffangnetz wurde ein Direkt- zahlungssystem geschaffen, das sich seine gesellschaftliche Akzeptanz durch «Kostenbeiträge» für blühende Buntbrachen, ökologische Ausgleichsflächen und Hochstamm-Obstbäume gesichert hat.

In der Tat sind viele Schweizer stolz auf ihre grüne Landwirtschaft. Doch sie blenden dabei aus, dass diese grünen Lenkungsmassnahmen dazu geführt haben, dass die Bauern mehr denn je am Tropf des Staates hängen. Obwohl sich die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe seit Anfang der 90er-Jahre halbiert hat, gibt der Staat heute dreimal so viel Geld für die Landwirtschaft wie damals aus.

Am 21. Mai müssen wir aufpassen, dass sich bei der Abstimmung über das Energiegesetz die Geschichte nicht wiederholt. Gewiss, die Steigerung der Energieeffizienz ist wichtig und unbestritten. Doch wir schaffen milliardenteure Fehlanreize, wenn wir ganze Produktionsarten über einen Zuschlag auf den Strompreis subventionieren. Die Subventionsempfänger werden im Sommer jede Menge überflüssigen Strom produzieren, der nicht bis zum Winter gespeichert werden kann. Das streiten nicht einmal die Befürworter ab, doch beharren sie darauf, dass die Subventionen nur bis 2031 gelten sollen. Als ob nicht die Landwirtschaft ein Mahnmal dafür ist, dass ein solches milliardenteures Vergütungssystem einen ganzen Wirtschaftszweig auf Jahrzehnte hinaus an den Staat bindet.

Gerne würde ich am Kiosk auch einmal eine Zeitschrift über erneuerbare Energien zur Hand nehmen, die den Titel «Stark» trägt, und begeistert in Berichten über Photovoltaikanlagen, thermische Untergrundspeicher und ausgeklügelte Gebäudetechniken schmökern. Aber bitte nicht im Wissen, dass ein weiterer Wirtschaftszweig nur dank uns Steuerzahlern so stark auftreten kann.